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Motorama in Haidhausen:Die Münchner Stadtbibliothek zieht in den Autosalon

Motorama Haidhausen
Interims-Bibliothek während des Umbaus Gasteig

Auf 3600 Quadratmetern entsteht am Rosenheimer Berg eine Bücherei mit den Schwerpunkten Familie, Gaming und digitales Lernen.

(Foto: Visualisierung: CBA Clemens Bachmann Architekten)

Sie muss für die Sanierung des Gasteigs vorübergehend weichen. Auf den 3600 Quadratmetern des Motoramas hat zwar nur ein Bruchteil der 320 000 Medien Platz - eine ordentliche Bücherei kommt so aber trotzdem zustande.

Von Patrik Stäbler

Das Motorama war einst der größte Autosalon des Landes, später wurde daraus ein Ladenzentrum, und nun eröffnet dort Ende des Jahres eine Bücherei. Denn während auf der anderen Straßenseite der Gasteig saniert wird, bezieht die dort beheimatete Münchner Stadtbibliothek einen Interimsstandort in dem verwinkelten Gebäudekomplex am Rosenheimer Berg.

Auf 3600 Quadratmetern im Erdgeschoss und im ersten Stock solle eine Bibliothek mit den Schwerpunkten Familie, Gaming und digitales Lernen entstehen, erläuterte Carolin Becker, Leiterin der Stadtbibliothek Am Gasteig, bei einer virtuellen Infoveranstaltung für den Bezirksausschuss (BA) Au-Haidhausen. Ihr zufolge werden dort circa 60 000 Medien zur Verfügung stehen. "Das ist vergleichbar mit einer großen Stadtteilbibliothek wie in Neuhausen oder Giesing."

Und doch wird ins Motorama nur ein Bruchteil der 320 000 Medien umziehen, die dem Publikum zuvor im Gasteig zur Verfügung standen. Zudem waren dort im riesigen Magazin der Stadtbibliothek weit mehr als eine Million Bücher, CDs, Zeitschriften und andere Medien untergebracht, die größtenteils bereits nach Oberschleißheim in die Räume einer früheren Druckerei umgezogen sind.

Neben dem Interims-Magazin im Münchner Norden werde es während der Gasteig-Sanierung einen Bürostandort in Neuperlach geben, sagte Arne Ackermann, Direktor der Stadtbibliothek. Dazu kämen zwei Publikumsstandorte: zum einen in der Halle E im Gasteig Sendling, wo die Schwerpunkte auf den Themen Musik und lebenslanges Lernen liegen werden. Dies sei naheliegend, sagte Ackermann, schließlich würden dort auch die Münchner Philharmoniker, die Hochschule für Musik und Theater und die Volkshochschule unterkommen. Im Oktober wird in Sendling der Startschuss fallen. Einen Monat später soll dann die Interimsbibliothek am anderen Publikumsstandort im Motorama ihre Türen öffnen.

Auf den einzelnen Ladenflächen werden dort verschiedene Bereiche einziehen, erläuterte Carolin Becker. Neben Abteilungen für Kinder und Jugendliche sei eine größere Fläche unter dem Oberbegriff "Abtauchen" geplant - mit Romanen, Reiseführern und Kochbüchern. Die Programmfläche solle als Treffpunkt fungieren; hier werden tagsüber und abends Veranstaltungen stattfinden, sagte Becker. Bekannte Angebote wie Vorlesestunden und Kinovorführungen sollen am neuen Standort beibehalten werden.

Ausbauen wolle man die Kooperationen mit den umliegenden Schulen, womit "der Fokus stärker als bisher auf dem Stadtteil Haidhausen liegen wird", betonte Ackermann. Generell biete der Interimsstandort die Chance, "ein bisschen zu experimentieren", sagte Carolin Becker. So werde es im Obergeschoss einen Bereich für Gaming und digitales Lernen geben - mit VR-Brillen, Roboter-Baukästen und einer "Gaming Area", in der mehrere Personen zusammen spielen können.

All diese Angebote richten sich der Bibliotheksleiterin zufolge nicht nur an Jugendliche und junge Erwachsene, sondern etwa auch an "Silver Surfer", also digitalaffine ältere Menschen. "Außerdem wollen wir Eltern und Lehrkräften die Möglichkeiten näher bringen, die im Gaming und Zocken liegen", sagte Becker.

Vonseiten der BA-Mitglieder gab es viel Lob für das Konzept der Interimsbibliothek. Auf Nachfrage von Sonja Rümelin (Grüne) erläuterte Arne Ackermann, dass die Stadtbibliothek im Motorama über eine Ausweitung der Öffnungszeiten nachdenke. "Wir könnten uns gut vorstellen, montags bis samstags auf 8 bis 20 oder sogar bis 22 Uhr zu gehen", sagte der Direktor.

Auch eine Sonntagsöffnung in Form einer Open Library ohne Fachpersonal sei eine Option. "Wir wollen dort eine maximale Zugänglichkeit bieten, müssen uns aber mit dem Center Management darüber abstimmen." Derweil erkundigte sich Arnost Stanzel (Grüne) nach der Zahl der Arbeitsplätze, die in der Gasteig-Bibliothek sehr beliebt seien. Carolin Becker entgegnete, dass es am Interimsstandort 60 bis 70 solche Plätze geben werde, mithin deutlich weniger als im jetzigen Gebäude. "Wir versuchen aber, viele informelle Flächen anzubieten, um dennoch Aufenthalt zu ermöglichen", sagte die Bibliotheksleiterin, etwa Sessel oder Stehplätze im Jugendbereich.

"Natürlich wird uns der Gasteig in mancherlei Hinsicht fehlen", räumte Ackermann ein. Eine 1:1-Interimslösung mit der gleichen Fläche wie im Gasteig sei im Zentrum von München auch aus finanziellen Gründen nicht zu finden gewesen. An den Interimsstandorten in Sendling und im Motorama wolle man "die Chance nutzen, stärker im Stadtteil präsent zu sein, neue Kooperationen zu schließen und die Nachbarschaft anzusprechen", so Ackermann. "Wir werden zentrale Funktionen aufrechterhalten, gerade für wichtige Zielgruppen wie Kinder und Jugendliche."

Nach jetzigem Stand geht man im Gasteig davon aus, dass die Interimsbibliothek bis zum Abschluss der Sanierung im Motorama bleiben wird, heißt es aus der Pressestelle des Kulturzentrums. Hieße laut jetzigem Zeitplan: Im Winter 2025 ginge es zurück auf die andere Straßenseite in den frisch sanierten und umgebauten Gasteig. Sollten die Arbeiten dort länger dauern, besteht laut Pressestelle eine Verlängerungsoption fürs Motorama.

© SZ vom 08.04.2021/infu/baso
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