„Dichtung als Gesang in einem brennenden Haus“: Diese Zeile des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan, die in seinem vor zwei Jahren veröffentlichten Band „Chronik des eigenen Atems“ steht, bringt es auf den Punkt: Das Haus brennt, im übertragenen wie wörtlichen Sinne, in der Ukraine und andernorts auf der Welt. Doch die Schriftstellerinnen und Schriftsteller erheben weiterhin ihre Stimme. Unter anderem demnächst bei der Münchner Sicherheitskonferenz.
So prominent besetzt wie das weltweit größte sicherheitspolitische Debattenforum im Bayerischen Hof ist stets auch das literarische Rahmenprogramm. Auch in diesem Jahr sind große Namen angekündigt, die vom 12. bis 15. Februar im benachbarten Literaturhaus München zu erleben sein werden. Den Auftakt macht Serhij Zhadan als der wohl bekannteste zeitgenössische Autor der Ukraine. Er hat nicht nur hervorragende Romane geschrieben (wer wissen will, wie sich Krieg anfühlt, bis in die letzte Faser eines Menschen, der lese den Roman „Internat“), er wurde nicht nur 2022 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Sondern er erfährt alle Seiten eines Krieges auch am eigenen Leib: Der bereits zuvor leidenschaftlich für die Frontsoldaten engagierte Schriftsteller und Musiker hat sich vor zwei Jahren selbst als Soldat verpflichtet.

US-Vizepräsident:Vance kommt wohl nicht zur Münchner Sicherheitskonferenz
Seine Rede im vergangenen Jahr nahmen manche Beobachter als Kriegserklärung an das liberale Europa war. In diesem Jahr kommt wohl ein anderer hochrangiger US-Vertreter.
Wenn Zhadan am 12. Februar mit Zeit-Kulturkorrespondent Volker Weidermann über „Ukraine’s Uncertain Future“ sprechen wird, also die ungewisse Zukunft der Ukraine, dann wird das daher nichts mit theoretischen Planspielen zu tun haben. Zhadan ist Mitglied in der 13. Brigade der ukrainischen Nationalgarde bei Charkiw und gehört zur Abteilung für zivil-militärische Kommunikation – so konnte man etwa 2025 einem seiner inzwischen raren Interviews mit der taz entnehmen. Ein Update folgt jetzt live in München. Nur soviel vorab: Zhadan schreibt zwar weiter, zuletzt hat er etwa den Erzählband „Keiner wird uns um etwas bitten“ veröffentlicht. Doch in jenem Interview sagte er auch: „Der Krieg bricht die Sprache.“
Krieg und Frieden – um nichts anderes geht es ja bei der seit 62 Jahren jährlich einberufenen Sicherheitskonferenz, die Politiker und Militärstrategen (und Demonstranten) aus der ganzen Welt besuchen. Und wenn einer der Literaturhaus-Abende am 14. Februar „Sicherheit in einer apokalyptischen Welt“ überschrieben ist (die Teilnehmer stehen hier noch nicht fest), dann macht auch das klar: Die Lage ist brenzlig.
Dutzende Staats- und Regierungschefinnen und -chefs und hochrangige Vertreter internationaler Organisationen haben laut MSC-Eigenangabe auch diesmal bereits zugesagt. Einer davon ist der tschechische Präsident Petr Pavel, der am 13. Februar einen Abstecher ins Literaturhaus macht. Zusammen mit den Autoren Jáchym Topol und Tomáš Kafka spricht er über „Literatur als Kraft und Gegenkraft“ – wie stark die sein kann, will Tschechien im Herbst auch als Gastland der Frankfurter Buchmesse beweisen.
„How to Make Democracies Great again“ – unter diesem Motto steht die Abschlussmatinee mit dem aktuellen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels: Der Osteuropa-Experte Karl Schlögel tritt dann im Literaturhaus auf (und wird dort am 24. Februar übrigens nochmals zu erleben sein, im Gespräch mit dem Historiker Martin Schulze Wessel über dessen Buch „Ukraine – die übersehene Nation“).

Neben Schlögel wird die belarussische Oppositionspolitikerin und Dissidentin Mariya Kalesnikava (je nach Transkription auch Maria Kolesnikowa) auf dem Podium sitzen. Das Schicksal der Musikerin hat die Welt in den vergangenen Jahren bewegt: Nachdem sie sich bei den Präsidentschaftswahlen 2020 gegen den Amtsinhaber Alexander Lukaschenko engagiert hatte und verhaftet worden war, hatte sie sich zunächst einer Ausreise verweigert. Vor wenigen Wochen nun wurde sie nach fünf Jahren Gefängnis freigelassen und reiste nach Deutschland aus.
Es sind aufrüttelnde Veranstaltungen zu erwarten, übrigens alle in englischer Sprache. Das Wesentliche, worum es geht, wird man aber wohl auch ohne tiefe Sprachkenntnisse verstehen. Überhaupt sind die wichtigsten Botschaften ja meist unmissverständlich: „Auch wenn wir das Feuer nicht aufhalten können“, so geht etwa das eingangs zitierte Gedicht von Serhij Zhadan weiter, „das Feuer kann auch uns nicht aufhalten.“
MSC Security & Literature Series, Donnerstag, 12., bis Sonntag, 15. Februar, Literaturhaus München, Eintritt frei, Anmeldung erforderlich unter: securityconference.org/literature-series/anmeldung, Infos unter literaturhaus-muenchen.de

