Neuerscheinung:Die Qualität der Beiträge schwankte

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Neuerscheinung: Buchautor und Mundartdichter Helmut Eckl.

Buchautor und Mundartdichter Helmut Eckl.

(Foto: Privat)

Es trifft schon zu, was Hanni Schmidt, einst Programmchefin im Robinson, in Eckls Buch berichtet: "Das Programm war bunt gemischt. Manchmal fragte man sich allerdings, mit welchem Selbstbewusstsein total unbegabte Menschen sich auf die Bühne stellten und einen solchen Schotter von sich gaben, dass es einem grauste. Auf der anderen Seite konnte man dann wieder begnadete Kabarettisten, lustige Blödler und hinreißende Musiker erleben." Aber gerade diese Mischung aus hingebungsvoll praktiziertem Dilettantismus und lässiger Virtuosität verlieh den Kleinkunstabenden ihren Charme.

Wie aber kam es, dass zu Beginn der Siebziger sich junge Leute für zehn Mark oder eine halbe Bier auf die Bühne stellten, um zu singen, zu zaubern, zu musizieren, Politiker zu derblecken oder genial herumzublödeln und so die Säle zu füllen?

Helmut Eckl vermutet: "Mit der 68er-Bewegung ist ein aufmüpfiges Potenzial herangewachsen, welches gegen den spießbürgerlichen Alltag und den Mief der Adenauer-Zeit rebelliert. Die Aufmüpfigen sitzen auf der Bühne und im Publikum." Ja, das kann man so sagen. Es war "eine Zeit der Revolution", eine Zeit der "Befreiung", wie Beppi Bachmaier erzählt, der eine Zeitlang das MUH geführt hatte, ehe er das Fraunhofer übernahm, in dem der damalige Zeitgeist noch heute zu spüren ist.

Ende der Sechzigerjahre hatte bereits das Song Parnass in der Einsteinstraße aufgemacht, wo Susanna Ullmann und Peter Füzessery das Sagen hatten. Während auf der Bühne das Programm lief, ging's im Hinterzimmer oft noch viel lustiger zu: Wilde Sessions gab es da, gespielt von Musikern, die auf ihren Auftritt warteten und solchen, die wie Fredl Fesl eine Gitarre dabei hatten, damit sie keinen Eintritt zahlen mussten.

"Das war Lebensraum und keine Abspielstätte"

Konstantin Wecker und Jörn Pfennig hatten im Song Parnass ihre ersten Erfolge, ebenso Willy Michl, der damals noch kein Indianer war. Und die Künstler, die sich im Laufe eines Abends mal in dieser, mal in jener Kneipe begegneten, waren wie eine große Familie. "Diese Bühnen", sagt der Kabarettist Sigi Zimmerschied, "waren Wohnzimmer, Begegnungszentren, soziale Plätze. Die waren viel mehr als nur Spielorte: Diskussionsplätze, politische Plätze. Das war Lebensraum und keine Abspielstätte."

Neuerscheinung: Das Programm der Kleinkunstbühne MUH in der Hackerstraße war höchst vielfältig.

Das Programm der Kleinkunstbühne MUH in der Hackerstraße war höchst vielfältig.

(Foto: Valentin-Karlstadt-Museum)

In den Kleinkunstbühnen war es auch, wo der bayerischen Volksmusik, die der Missbrauch der Nazis in Verruf gebracht hatte und die erstarrt war im eisernen Zugriff der Traditionalisten, wieder neues Leben eingehaucht wurde. Man musste nur mal Fredl Fesl oder Arthur Loibl zuhören: Wie sie den Dialekt nutzten, um saukomische Geschichten zu erzählen, die in der Hochsprache nur halb so lustig gewesen wären, und wie sie Gstanzl sangen, in denen auf einmal Taxifahrer, Polizisten oder tobende Kirchenglocken vorkamen.

Und dann die Biermösl-Blosn - was war denn das? Auch die drei Well-Brüder spielten Volksmusik, eigentlich ganz vorschriftsgemäß, aber darin ging es statt um die Schönheit der Almen und des Dorfbrunnens plötzlich um Mülldeponien, Gewerbegebiete und vergiftete Äcker sowie, was nun wirklich unverschämt war, um die Machenschaften der CSU. Das war natürlich eminent politisch, aber auf eine wunderbar hinterfotzige Weise und ganz anders als die oft humorlosen Klage- und Anklagegesänge damaliger Politbarden.

Die Bühnen wurden weniger

Im Laufe der Achtzigerjahre verlor die Szene an Schwung. "Die Kleinkunst war eine gängige Sache geworden, es gab keine großen Überraschungen mehr", sagt der Kabarettist Holger Paetz, auch einer von denen, die von einer Bühne zur nächsten tingelten. Die Stars der Szene wie Fesl, Wecker, Ringsgwandl oder Polt wurden berühmt, sie füllten bald größere Säle. Die anderen, die im musikalischen Unterholz stecken geblieben waren, verloren allmählich ihre Auftrittsstätten.

Eine nach der anderen machte dicht, oft, weil die Pacht zu teuer wurde. Und vielleicht stand auch der Zeitgeist nicht mehr auf der Seite der Kleinkunst. Ihre Aufmüpfigkeit hatte sie von den Achtundsechzigern, hinzu kam die zwanglose Kreativität der Hippies, die nicht auf Perfektion abzielte, und dann war da noch die Lust, die Dinge nicht ganz so ernst zu nehmen, eine münchnerisch hedonistische Note.

Für jüngere Leute, die den Aufstand proben wollten, war das zu mau, sie fanden sich eher im Punk wieder. Andere feierten lieber in der Disko, als in verräucherten Kneipen Kabarettisten und Mundartdichtern zuzuhören. Was waren das auch für komische Typen: Verkauften sich für ein paar Mark an einen Kleinkunstveranstalter. Tja, so waren die. Sieht auch Konstantin Wecker so: "Heute macht man Kunst mehr aus marktwirtschaftlichen Interesse und nicht, weil es aus einem herauskommt. Das Spannende an der Kleinkunstszene der Siebziger- und Achtzigerjahre war: da wollte doch keiner reich werden. Man wollte leben."

Helmut Eckl: Vom MUH in die Ottobrunner Straß. Verlag Sankt Michaelsbund, 168 S., 24,90 Euro.

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