Neuerscheinung:Denkmal für die Münchner Kleinkunstszene

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Sie waren jung und spielten für wenig Geld: Konstantin Wecker, Fredl Fesl oder Hans Söllner wurden auf Bühnen groß, die es schon lange nicht mehr gibt. Ein Buch von Helmut Eckl weckt Erinnerungen.

Von Wolfgang Görl

Das beifallumrauschte Malheur ereignete sich irgendwann in den Siebzigerjahren, Schauplatz war das MUH in der Hackenstraße. Weil das eine ganze Weile her ist, muss man vielleicht erklären: Das MUH war eine Kleinkunstbühne, die drei Buchstaben standen für "Musikalisches Unterholz". Jeden Abend traten unter dem Gewölbe des Wirtshaussaals, in dem noch richtig Bier getrunken und geraucht wurde, Künstler aller Art auf, ein Auftritt dauerte eine knappe halbe Stunde, dann kam der nächste.

Am besagten Abend war nun einer dieser Künstler nicht erschienen, was aus diversen Gründen häufig vorkam. Uwe Kleinschmidt, der das MUH leitete, brachte so eine Absenz kaum aus der Ruhe, weil im Lokal immer genug Musiker und andere Rampensäue herumlungerten, die er als Ersatz auf die Bühne schicken konnte. Wenn es ganz eng wurde, rekrutierte er auch mal Straßenmusiker aus der näheren Umgebung.

An diesem Abend aber musste Kleinschmidt keine peruanischen Flötenensembles von der Straße holen, denn die Künstlerersatzbank war gut belegt. Der Nonsense-Spezialist Holger Hobbit war da, der Allround-Musiker Gerhard Kaßing und der Hühnereier-Jongleur Edi Eisheuer, und die drei wurden mehr oder weniger genötigt, gemeinsam was aufzuführen. Man einigte sich auf klassisches Ballett, wofür Hobbit, wo immer er es her hatte, ein Tüllröckchen anzog und Eisheuer in eine Strumpfhose schlüpfte, die womöglich eine Zuschauerin zur Verfügung gestellt hatte - leihweise, versteht sich.

Ein graziler Schritt rückwärts

Zu einer klassischen Komposition, die Kaßing auf dem Hausklavier klimperte, legten Eisheuer und Hobbit mit der Grazie zweier Büffel einen Pas des deux hin, dessen Höhepunkt der Sprung der Ballerina in die Arme des Partners sein sollte. Dieser aber, um die Performance noch lustiger zu gestalten, machte eine grazilen Schritt rückwärts, und Hobbit krachte streckterlängs auf den Boden. Das Publikum jubelte, und es jubelte noch mehr, als Hobbit sich mit schmerzverzerrtem Gesicht krümmte. Was für eine Schauspieleinlage! Einziger Wermutstropfen: Hobbits Schmerz war nicht gespielt, er hatte sich einfach nur den Arm gebrochen. So viel zu den Opfern, die man damals der Kleinkunst darbrachte.

Es war, wie man heute sagen würde, eine geile Zeit. Und es ist wunderbar, dass der Münchner Kleinkunst, die in Siebziger- und Achtzigerjahren aufs Schönste florierte, soeben ein Denkmal errichtet wurde. Dessen Schöpfer ist Helmut Eckl, der bis heute vor allem als Mundartdichter unterwegs ist. "Vom MUH in die Ottobrunner Straß", heißt sein Buch, ein Zitat aus dem Taxilied von Fredl Fesl, der einer der besten und beliebtesten Akteure der Szene war.

Eckl hat die Geschichte der wichtigsten Kleinkunstbühnen aufgeschrieben und mit einigen der Helden von damals Interviews geführt. Allein das ist höchst verdienstvoll. Was aber für diejenigen, die in den Kleinkunstbühnen seinerzeit quasi zu Hause waren, fast noch aufregender ist, sind die vielen Fotos, mit denen das Buch illustriert ist. Die meisten hat Alexander Früchte aufgenommen, ein Medizinstudent aus Sulzemoos, der sich so gut wie jeden Abend in einer der Kleinkunstbühnen herumtrieb und gleichsam als Hoffotograf zur Szene gehörte.

Erinnerungen an vergessene Künstler

Auf den Bildern sind nicht nur Berühmtheiten wie Fesl oder Konstantin Wecker zu sehen, sondern auch und vor allem die Künstler, die es nicht zu großem Ruhm gebracht haben und die praktisch vergessen sind. Alula zum Beispiel, ein Student aus Äthiopien, der lustige Lieder ("Ein paar rote Ringelsöckchen und zwei Boogie-Woogie-Schuh") zur Gitarre vortrug und immer einen Kamm im Haar stecken hatte; oder Friedhelm Steinhauer, die "Nachtigall von Ramersdorf", eine androgyne Erscheinung mit schriller Falsettstimme; oder der grandiose Arthur Loibl, der wie ein Wildschütz aussah und wie kein Zweiter die Sauf- und Liebeslieder des schwedischen Dichters Carl Michael Bellmann (1740-1795) singen konnte. Loibl ist 2011 gestorben. Wenn man die Bilderseiten durchblättert, muss man leider viel zu oft sagen: Mein Gott, der lebt auch nicht mehr.

Man kann Eckl gar nicht genug dafür rühmen, dass er die Blütezeit der Münchner Kleinkunst wieder in den Blick rückt. Sie ist ebenso Teil der städtischen Kulturgeschichte wie die Schwabinger Bohemiens der Prinzregentenzeit oder die Volkssänger, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit der Weimarer Republik die Massen begeisterten. Die Schwabinger hatten das Café Stefanie oder die Künstlerkneipe Simplicissimus als ihr Wohnzimmer, die Volkssänger traten in beinahe jedem Wirtshaus auf.

Was die Brettlkünstler der Siebzigerjahre betrifft, beschränkte sich ihr Aktionsradius hauptsächlich auf fünf Spielstätten: das MUH, die Liederbühne Robinson, das KEKK, die Drehleier und das Song Parnass. Wer dort auftrat, musste nicht unbedingt ein großes Talent sein.

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