Hilfskonvoi mit Krankenwagen für die Ukraine„Rettungswagen werden gezielt beschossen“

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Andreas Lipp.
Andreas Lipp. (Foto: Robert Haas)

Die medizinische Versorgung ist in Teilen der Ukraine zerstört, umso wichtiger sind Rettungswagen. Andreas Lipp organisiert mit seiner Münchner Rennrad-Community einen Konvoi. Ein Gespräch über die Frage nach dem Katastrophentourismus, warum Helfer mitradeln und wie viele Leben ein Fahrzeug pro Tag retten kann.

Interview von Philipp Crone

Münchner Radfahrer sammeln seit Monaten und sind ihrem Ziel mittlerweile schon sehr nahegekommen: genug Geld über Spenden einzunehmen, um ausrangierte Rettungswagen kaufen und in die Ukraine bringen zu können. Andreas Lipp rechnet mittlerweile mit mindestens zwölf Krankenwagen, die am 5. Juli aufbrechen und an die polnische Grenze zur Ukraine gefahren werden, begleitet von Dutzenden Radfahrern aus der Münchner Rennrad-Community. Der 45-jährige Hobby-Radler und Mitinhaber einer Marketing-Agentur ist einer der Mitorganisatoren dieser Hilfsaktion. Noch steht die Finanzierung der Aktion Chainreaction-Bikekonvoy nicht ganz exakt. Aber eine Zahl ist dafür schon lange bekannt: Ein Rettungswagen rettet im Schnitt fünf Menschenleben pro Tag.

SZ: Herr Lipp, im Laufe des Krieges gab es einige Aktionen in Deutschland, um Krankenwagen für die Ukraine zu organisieren. Allein der Verein Bamberg:UA hat bislang 160 Fahrzeuge ins Kriegsgebiet gebracht. Warum werden die weiterhin so dringend benötigt?

Andreas Lipp: Ich war bislang noch nicht vor Ort, habe aber mit Mitfahrern gesprochen, die sagen: Die Rettungswagen werden gezielt beschossen. Das wäre ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konvention. Manche Wagen werden sehr schnell kaputt geschossen mit den entsprechenden Konsequenzen für die Insassen. Andere Wagen sind bis zu einem Jahr im Einsatz.

Werden die Wagen beschossen oder die Fahrer?

Anscheinend letzteres. Perfiderweise werden die links gelenkten Rettungswagen von links beschossen, wohl damit sie liegen bleiben und dann leichtere Ziele sind. Deshalb sind derzeit auch Fahrzeuge, die rechts gelenkt werden, sehr gefragt.

Und die zwölf Fahrzeuge, die Sie hinbringen, werden rechts oder links gelenkt?

Das weiß ich nicht genau, wir nehmen, was wir bekommen können.

Und es gibt ausreichend ausrangierte alte Krankenwagen?

Ja, was daran liegt, dass die etwa nach einer bestimmten Kilometerzahl ausgemustert werden müssen, obwohl viele wegen der häufigen Wartung noch gut in Schuss sind.

Ihre Initiative der Chainreaction ist ja eine Gruppe von Radfahrern. Wie kommt die auf die Idee, um Spenden zu werben, damit Krankenwagen zu kaufen und ins Kriegsgebiet zu liefern?

Einer von uns hatte bereits einige derartige Aktionen hinter sich und mehrmals Rettungswagen hingebracht. Er kam im Februar von einer Fahrt in die Ukraine zurück und hatte die Idee, den Transport mit einem Rad-Konvoi zu verbinden.

Warum?

Auch um zu zeigen, dass dieser Krieg so nah ist. Er ist, so empfinden wir das, in unserem Alltag mittlerweile sehr weit weg. Stimmt aber nicht, der Krieg ist so nah, dass man über mehrere Etappen mit dem Rad hinfahren kann. 1200 Kilometer. Wobei die Krankenwagen voraus fahren werden und nur zwei mit den Radfahrern Kontakt halten, so dass man vielleicht mittags immer einen Treffpunkt ausmacht. Falls jemand mal eine Panne hat oder eine Pause braucht, kann er dann eben den Krankenwagen nutzen. Wir werden also kein rollendes Hindernis auf der Straße sein.

Haben Sie denn Sorge, selbst zum Ziel zu werden?

Wir haben da viel gesprochen, insgesamt sind 50 Helfer dabei. Die offizielle Tour endet an der polnisch-ukrainischen Grenze und es ist jedem überlassen, ob er in die Ukraine weiterfährt oder nicht. Denn natürlich ist das keine Spaßveranstaltung, das hat einen sehr traurigen Hintergrund, jeden Tag sterben dort Menschen.

Worauf Sie mit Ihrer Aktion aufmerksam machen.

Wir wollen den Leuten ins Gedächtnis rufen, dass die medizinische Versorgung insbesondere in den frontnahen Gebieten schlicht zerstört ist. Im Osten der Ukraine gibt es keine Krankenhäuser mehr, deshalb sind Rettungswagen da besonders wichtig. Für die Zivil-Bevölkerung und für das Militär. Die Wagen werden dann vom Militär eingesetzt, das auch die Zivilisten medizinisch versorgt.

Wie viel Geld haben Sie bislang einsammeln können?

Wir haben Spenden in Höhe von 217.332 Euro bekommen, das heißt, es fehlen nur noch knapp 6000 Euro ...

Um alle zwölf Rettungswagen finanzieren zu können.

Genau. Wir haben auch lange darüber nachgedacht, ob wir mit der Aktion in den Verdacht geraten, Katastrophentourismus zu betreiben. Aber das ist es nicht. Denn klar ist, dass ohne die Aktion zwölf Wagen fehlen und dementsprechend weniger Menschenleben gerettet werden können.

Gibt es dazu Schätzungen?

Ja. Und ich habe auch meinen beiden kleinen Kindern davon erzählt, als die mich gefragt haben: Papa, was bringt denn das? Es ist wohl nach Aussage der Militärs vor Ort so: Im Schnitt rettet ein Rettungswagen fünf Menschenleben pro Tag. Und als ich das dann mit meinen Kindern zusammen für zwölf Wagen aufs Jahr hochgerechnet habe, 22.000, da hatte ich einen ordentlichen Kloß im Hals.

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