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Münchner Philharmoniker:Tanz der Klangkörper

Mphil 360 Grad

Der künstlerische Rundumblick: Vorne tanzen Mariinsky-Tänzer "Daphnis et Chloé", hinten spielen die Philharmoniker unter Valery Gergiev.

(Foto: Tobias Hase)

Beim 360-Grad-Festival gehen Klassik und Elektro-Swing, Ballett und Sprechgesang unmittelbar ineinander über. Das Konzept hat viele Stärken und ein paar Schwächen

Von David Renke, Rita Argauer und Eva-Elisabeth Fischer

Die Eröffnung des 360-Grad-Festivals der Münchner Philharmoniker wird quasi doppelt und gleichzeitig bestritten. Ganz traditionell mit einem Konzert in der Philharmonie. Und etwas jünger, experimenteller und clubbiger in der benachbarten Muffathalle. Ganz im Sinne des Festivalkonzepts, das Brücken von der Orchesterklassik in alle möglichen Richtung bauen soll. So wird der zweite Teil des Eröffnungskonzerts aus dem Gasteig per Video-Livestream in die Muffathalle übertragen. Ravels "Daphnis et Chloé"-Ballett zum Auftakt eines Abends also, der vielsagend mit "It Takes Two To Tango" betitelt ist. Eine gute Idee, denn die Körper der Mariinsky-Tänzer wirken auch auf Großleinwand, wenn man bei der Musik Abstriche in Kauf nehmen musste.

Eine gute Stunde früher hat das Konzert in der Philharmonie begonnen. Mit Debussys "Prélude à L'Après-midi d'un faune" wird das Festival eröffnet. Dieses verschlafen-verspielte Erwachen des erotisierten Herumstreifens, das Nijinsky 1911 in seine berühmte Choreografie hineinschrieb, trifft das Orchester unter Valery Gergiev gut. Für größte Differenzierung aber sorgt im Anschluss Anja Harteros mit Alban Bergs "Sieben frühe Lieder". Die dunklen, nächtlichen Aspekte der Liebe findet sie mit einem grandios darauf eingehenden Orchester in stimmlich kühlem Farbton, den sie immer wieder ganz plötzlich zu schönster Wärme hin öffnet. Dieses Wechselspiel aus emotionaler Offenheit und Unterkühlung koppelt sie an Harmonien und Text - eine wahre Freude.

Eine solche emotionale Vielschichtigkeit bietet die Münchner Erstaufführung der Choreografie von Vladimir Varnava zu Ravels Ballettmusik "Daphnis et Chloé" mit Tänzern des Mariinsky-Balletts leider nicht. Es gibt fünf Paare, die erst vereinzelt, dann im Pas de Deux den Weg des antiken Liebespaares nachzeichnen. Doch die Choreografie vermag keine einheitliche Sprache zu finden. Auf die furios musizierte Partitur wird modern gewirbelt und gedreht, immer wieder gelaufen und gerannt. Das Stück setzt sich so meist aus tänzerischen Lückenfüllern zusammen, wagt den Schritt zu völliger Abstraktion aber nicht. Aussagekräftige Bewegungen und Figuren sind rar. Das rettet auch ein Berg roter Rosen am Ende nicht.

Im Anschluss an das Konzert im Gasteig eilen ein paar Musiker der Philharmoniker in die Muffathalle, um weiterzuspielen. Piazollas "Vier Jahreszeiten von Buenos Aires" mit Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici als genialem Solisten-Dirigenten, der sein Kammerorchester stampfend, schnaufend und schnipsend anleitet. Solche Leidenschaft und körperliche Anstrengung kommt gut an, auch wenn der Zeitplan hinterher hinkt. Um elf Uhr schaut Valery Gergiev selbst vorbei und hört zu. Anschließend geht es nahtlos über zu Elektro-Swing und Lindy Hop im Ampere, wo Klaus Waldeck mit seinem Orchester und die Sängerin Patrizia Ferrara die Dreißigerjahre musikalisch aufleben lassen. Auch hier stehen wieder Mitglieder der Philharmoniker auf der Bühne, die bis halb eins durchhalten, bevor Ferrara mit "Memories" den Rausschmeißer singt.

Auch am Samstagabend wird in der Muffathalle getanzt. "Young & Wild: Modern Dance & Mariinsky Ballett" heißt es: Jung sind sie alle, die Musiker, die Choreografen und die gespenstisch übertrainierten Tänzer. Wie die vier folgenden, huldigt auch das Auftragswerk "Sous le coupole" dem akademischen Tanz. Es ist die makellose Rückenansicht der Maria Shirinkina, ausgestellt auf einem Tisch samt drei Herren drumherum, die als schönes Zwanzigerjahre-Tableau vivant einem Tanz auf dem Vulkan camouflierter Gefühle vorangeht. Thema gesetzt, Aufgabe von Ilya Zhivoi tadellos, aber allzu brav arrangiert. So geht es weiter. Mit einer Ausnahme: Bei Vasily Tkachenko spürt man ihn, den animalischen Trieb zu tanzen. Ihm hat Maxim Petrov mit "Keep" ein fulminantes Solo auf den Leib choreografiert. Vogelwild. Endlich.

Wild ist auch Strawinsky, wenn auch dessen "L'Histoire du Soldat", die den Festivalsonntag in der Muffathalle eröffnet, schon mehr als 100 Jahre alt ist. Doch, wo die Werke des Eröffnungsabends noch grundthematisch etwas Romantisches hatten, zeigt die Geschichte des Soldaten wie nahe Strawinsky 1917 schon an Brechts Ideen zum Dialektischen Theater war. Die Musiker der Philharmoniker spielen dieses verflucht schwierige Stück, in dem die Musik immer wieder in musikhistorische Verkleidungen schlüpft, mit Verve und Lust. Die ursprünglich vorgesehenen Tänzer hat man sich hier gespart, dafür erzählen drei Sprecher, in Reimen neu zusammengesetzt, die Geschichte eines Soldaten (Peter Jordan), der sich, um den Schützengräben zu entkommen, vom Teufel (Jeanne Devos) verführen lässt und letztlich eine Prinzessin heiratet. Thomas Quasthoff wird als Erzähler samt Sprechgesang dabei beinahe zum Rapper und das politisch verquere Stück bekommt zwischen Albernheit und Grauen eine aktuelle Schlagseite.

Anschließend gehört die Bühne dem Nachwuchs. Das Selbstbewusstsein, das die Preisträger des Tschaikowsky-Wettbewerbs mitbringen, zeigt sich auch an den Werken. Sergei Dogadin, Sieger im Fach Violine, und Mao Fujita, Zweitplatzierter im Fach Klavier, spielen Francks Violinsonate A-Dur. Das ist durch Dogadins vibratosattes Spiel dramatisch und packend zugespitzt. Als Begleiter hat Mao Fujita bei den drei Recitals mit fünf Werken ein Mammutprogramm zu absolvieren, ist als Begleiter von Ravel ebenso überzeugend wie bei der "Introduction et Polonaise" von Chopin, die er mit Zlatomir Fung interpretiert.

Zum Abschluss des Festivals beim "Café de Paris" darf Mao Fujita mit Mozarts Romanze aus dem d-Moll-Konzert auch solistisch auftreten. Präzise arbeitet der Japaner die Stimmen heraus, macht die Partitur sehr transparent, sein Spiel wirkt jedoch nie klinisch, dazu ist seine Interpretation zu raffiniert und detailreich. Die anschließende Streicherserenade von Tschaikowsky gelingt den Philharmonikern auch in der staubtrockenen Akustik der Muffathalle beeindruckend differenziert. Das Kammerorchester unter Gergiev spielt den zum Pathos neigenden Kopfsatz mit vibrierender Frische und den Walzer des zweiten Satzes mit fast wienerischem Charme. Nach drei Tagen im Dauereinsatz gibt es schließlich ein furioses Finale mit virtuos fein ziselierten Läufen.

© SZ vom 04.02.2020
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