Silvesterkonzert der Münchner PhilharmonikerSeid umschlungen!

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Dirigentin Eva Ollikainen setzt beim Silvesterkonzert mit den Münchner Philharmonikern auf Knalleffekte.
Dirigentin Eva Ollikainen setzt beim Silvesterkonzert mit den Münchner Philharmonikern auf Knalleffekte. (Foto: Nikolaj Lund)

Mit Beethovens Neunter lassen die Münchner Philharmoniker unter Dirigentin Eva Ollikainen die Katastrophen des alten Jahres hinter sich. Was bringt das Neue?

Kritik von Paul Schäufele

So endet das Jahr, wie immer, mit Sekt und Beethovens Neunter. Aber warum eigentlich? Über Schaumwein soll an dieser Stelle nicht nachgedacht werden. Über die Beethoven-Symphonie schon, denn auch die Münchner Philharmoniker haben sich mit diesem Stück vom alten Jahr verabschiedet.

Zunächst klingt das ja nicht besonders festlich, der nebulöse Beginn, das martialische erste Thema. Doch darin liegt vielleicht ein Grund für die Beliebtheit des Opus 125 zum Jahresausklang. Es gibt Gelegenheit, auch über die Katastrophen des Jahres zu reflektieren.

Das scheint auch Eva Ollikainen zu denken. Die Finnin, momentan Chefdirigentin des Iceland Symphony Orchestra, legt Gewicht auf Akzent-Explosionen und haut damit potenziell klangschöne Phrasen regelrecht auseinander. Das hat seine Berechtigung, doch es geht auf Kosten der Orchesterbalance. Und nicht zuletzt nutzen sich die Knalleffekte ab – wenn im Scherzo munter getrommelt wird, hat man sich an die Pauken-Sforzati längst gewöhnt.

Darüber hinaus wirkt Ollikainens penetrantes Betonen des ersten Schlags der Takte auf die Dauer ermüdend. Der tänzerische Schwung und der Haydn-Humor bleiben so versteckt. Das federleichte Trio dagegen bezaubert als Kontrast-Episode. Glänzen können die Philharmoniker im Adagio. Hier zeigt sich das Orchester von seiner besten Seite, als Garant für warmen, erdigen Streicherklang, in den sich die geschmackvoll phrasierten Holzbläser-Melodien einfügen.

Zudem besitzt Ollikainen den für diese Symphonie notwendigen Sinn für Proportion: Das Scherzo ist ein Schwergewicht, was andere dazu verleitet, den langsamen Satz noch langsamer zu machen. Ollikainen entscheidet sich für einen Mittelweg. Der Satz fließt, hat dennoch den Charakter idyllischer Rückschau und lässt den Geigen die Zeit, auch die schnellen Notenwerte zu gestalten.

Viele werden trotzdem vor allem auf das gewartet haben, was danach kommt. „Jetzt geht’s ab“, flüstert ein Konzertgänger seiner Begleitung zu. Jóhann Kristinsson steht auf und fordert mit feinem Bariton, mal etwas freudiger aufzutreten. Das fällt nicht schwer, da der Philharmonische Chor München – wie immer bestens vorbereitet von Andreas Herrmann – im „Freude, schöner Götterfunken“ brilliert, klangvoll und homogen. Nur weshalb Angel Romero das Solo singen darf, bleibt unklar. Besonders durchdringend, aussprachesicher oder strahlend ist der Tenor nicht. Dafür sorgen Tuuli Takala (Sopran) und Anna Kissjudit (Mezzo) für Lichtpunkte.

So findet sich in der kontrollierten Entfesselung die Antwort auf die Frage, warum unbedingt Beethoven. Weil sich hier der Wunsch äußert, dass die Katastrophen des alten Jahres mit dem Glück des neuen tauschen möchten. Und zumindest für den Moment des großzügigen Schluss-Beifalls glaubt man auch, dass das möglich ist.

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