Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ gehört zu jenen „modernen“ Stücken, die wirklich häufig auf Konzertprogramme gesetzt werden. Vielleicht etwas zu häufig? Man wird den Eindruck nicht los, dass die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Andris Nelsons in der Isarphilharmonie etwas verbissen bemüht sind, eine individuelle Lesart des Stücks zu präsentieren.
Das geht sofort mit dem eröffnenden Flötenthema los. Es wird mit derart viel Rubato gespielt, dass sich auf seltsame Weise weder der Eindruck eines innigen Fließens noch der von natürlich frei gestalteter Metrik einstellen will – sondern irgendwas nicht gänzlich Geglücktes dazwischen. Und auch im weiteren Verlauf gibt Nelsons derart viele Effekte vor, dass der Vortrag manchmal ein wenig verkünstelt wirkt. Gleichzeitig sind die Philharmoniker eben die Philharmoniker, und es gelingt ihnen ein exquisiter Klang voller blitzsauber ineinandergreifender Klangereignisse.
Interessant ist, dass Wagners Wesendonck-Lieder in ihrer orchestrierten Fassung ähnliche Klangregister aufrufen und ebenso auf einen geradezu zauberischen orchestralen Schwebezustand hin arrangiert sind – und trotz dieser verwandten Rezeptur eine ganz andere Klangwelt erschließen als Debussys Impressionismus. Selbst im leisen Hauch des Liedes „Im Treibhaus“, das die Philharmoniker und die Sopranistin Rachel Willis-Sørensen wundervoll und aufs Feinste austariert interpretieren, ist die Musik merklich monochromer. Nur die Orchestrierung des letzten Lieds, „Träume“, stammt übrigens von Wagner selbst, die übrigen ursprünglichen Klavierlieder hat der Dirigent Felix Mottl 1893 instrumentiert. Eigentümlich, dass man in manchen Momenten Strauss’ „Vier letzte Lieder“ vorauszuahnen glaubt, die erst ein halbes Jahrhundert später entstanden.

Hauptwerk des Konzerts ist freilich Berlioz’ „Symphonie fantastique“. Man weiß, welche Musik einen erwartet, man kennt die Karikaturen, in denen Zeitgenossen Berlioz als Entfesselungskünstler eines exzessiv großen Orchesterapparats zeichneten. Die Wirkung dieser Symphonie ist dennoch stets aufs Neue betörend. Ihre Lust am hemmungslosen Effekt. Vier Harfen, acht Kontrabässe, doppelte Pauken auf der Bühne, Instrumente hinter der Bühne als orchestrales „Fernwerk“, die maximale (und etwas lang geratene) pastorale Befriedung der „Scène aux Champs“ und der lodernde Irrsinn des Hexensabbats. All das arbeiten Nelsons und die Philharmoniker mit Lust an der Überwältigung und mit Liebe zum Detail heraus. Großer Jubel.

