Süddeutsche Zeitung

Konzert in der Isarphilharmonie:Falsches Idyll

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Daniele Gatti führt die Münchner Philharmoniker mit süffiger Sinnlichkeit durch Hindemith und Beethoven.

Von Reinhard Brembeck

Es gibt keinen Dirigenten, der derart gelassen vergnügt auf die Bühne schlendert wie der 61-jährige Daniele Gatti. Den Dirigentenstab schlenkert er elegant hin und her, Noten braucht er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen keine. Selbst nicht in der Sinfonie "Mathis der Maler"; Paul Hindemith hat diesen Dreiteiler in der Folge zu seiner gleichnamigen, 1938 uraufgeführten Oper ausgebaut.

Ein Repertoirestück ist diese Hommage an den Renaissancemaler Mathis Nithart, genannt Grünewald, und seinen zwischen Grauen und Fantasy changierenden "Isenheimer Altar" nie geworde; dazu ist die Musik zu herb, auch wenn sie ganz traditionell dem Sinfonieschema folgt und Klangrausch an Farborgie reiht.

Gatti lässt die Münchner Philharmoniker hier wie auch in Ludwig van Beethovens Sechster einen wunderbar dunklen Mischklang produzieren, der nie zum Raunen, Gründeln oder Grübeln tendiert, sondern Hindemiths Herbheiten mit süffiger Sinnlichkeit unterlegt. Auch liebt Gatti zügige Tempi, allerdings hat er nichts übrig für Hast oder Hochleistungsrasanz. Wenige kleine Gesten genügen ihm, um die Balance zwischen den Musikergruppen einzurenken, ganz selten nur lässt er die Blechbläser vollmundig und allbeherrschend drauflosspielen.

Zudem gehört Gatti zu den eigenwilligen Dirigenten, die keinem etablierten Interpretationsschema folgen. So belässt er es in Beethovens Landpartiebeschwörung bei ruhigen bukolischen Klängen, existenzgefährdende Naturbedrohung ereignet sich bei ihm nur untergründig. Der erste wie der letzte Satz sind fast nur Idyll, der langsame, ungemein zügig und impressionistisch gespielt, verweigert jede verschnarchte Touristenseligkeit. Gatti zeigt trotz aller Klangschönheit die Struktur auf. Auch Bauerntanz und Sturm sind nicht überzeichnet, nur untergründig bedrohlich. Diese Deutung macht dem Städter klar, dass er Fremdling ist auf dem Land, von dem er sich eine falsche, weil verklärende Vorstellung macht.

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