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Münchner Osten:Fürsprecher der Frischluftschneise

Die Grünen erneuern bei einem Informationsabend ihre Kritik an Plänen, im Hachinger Tal den regionalen Grünzug zu bebauen. Zur Sprache kommt dabei auch das ungeklärte Thema Hochwasserschutz in dem Gebiet

Die Karte mit den Münchner Temperaturzonen auf der Leinwand ist bunt. Der Meteorologe Paul Heger deutet auf rosa eingefärbte Bereiche in der Münchner Innenstadt: hohe Temperaturen. Dagegen viele Segmente in Hell- und Dunkelgrün in den äußeren Stadtbezirken. Auch an jenem Ort, den Heger und die gut zwei Dutzend Besucher an diesem Abend besonders im Blick haben: die Frischluftschneise des Hachinger Tals. "Jede Bebauung würde den Kaltluftstrom schmälern", sagt der Meteorologe, der auch Ortsverbandssprecher der Grünen in Ramersdorf-Perlach ist.

Kapellenfeld in Neubiberg, 2017

Fläche im Fokus: Das 27 Hektar große Kapellenfeld liegt auf städtischem Grund sowie auf dem Gebiet der Gemeinde Neubiberg; es soll unter anderem mit einem Gewerbegebiet bebaut werden. Neben dem politischen Widerstand hat eine Bürgerinitiative bereits 1800 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt.

(Foto: Angelika Bardehle)

Damit zielt er auf den Kernpunkt der Diskussionsveranstaltung, für welche eben jener Grünen-Ortsverband den Titel "Hachinger Tal - Frischluftschneise retten" gewählt hat. Denn das 27 Hektar große Kapellenfeld auf städtischem Grund sowie auf dem Gebiet der Gemeinde Neubiberg soll unter anderem mit einem Gewerbegebiet bebaut werden. Die zu erwartenden Gewerbesteuereinnahmen machten das Projekt für Neubiberg interessant, vermuten die Grünen. Sie stemmen sich gemeinsam gegen eine Bebauung. Bei der Veranstaltung soll Heger als Meteorologe gewichtige fachliche Gründe vortragen, sekundiert von Joachim Lorenz, Fraktionssprecher der Grünen im Bezirksausschuss Obergiesing-Fasangarten und ehemaliger Münchner Umweltreferent.

Info

Der Erhalt der Frischluftschneise im Hachinger Tal wird immer mehr zum Wahlkampfthema im Landkreis München. Grünen-Landratskandidat Christoph Nadler wirft Fürsprechern einer Gewerbeansiedlung in dem Grünzug vor, ein mikroklimatisches Gutachten ignorieren zu wollen, das die Stadt München beim Deutschen Wetterdienst - zusätzlich zu einem seit Jahren ausstehenden Gutachten zur Luftaustauschwirkung zwischen Stadt und Umland - in Auftrag gegeben habe. Die Neubiberger Bürgermeisterkandidatin Elisabeth Gerner (SPD) bezeichnete den Protest der Grünen gegen eine Bebauung des Grünzugs als "Sturm der Entrüstung", der vom wesentlichen Thema, dem Hochwasserschutz, ablenke.

Die Stadt München und die Gemeinde Neubiberg haben vor Monaten eine mögliche Bebauung im regionalen Grünzug zwischen München, Neubiberg, Unterhaching, Ottobrunn und Taufkirchen auf den Weg gebracht, der von Umwelt- und Naturschützern als wichtige Frischluftschneise für die Stadt bewertet wird. Ein Planungsbüro wurde bereits beauftragt, der Grundstückseigentümer, die Familie von Finck, kommt für die Gutachten zum Hochwasserschutz und zu sogenannten Retentionsflächen entlang des Hachinger Bachs auf.

Die Grünen lehnen im Gegensatz etwa zu SPD und Freien Wählern in Neubiberg jegliche Bebauung des Grünzugs ab. "Wer in Zeiten der akuten Klimaerwärmung noch immer nicht verstanden hat, dass der regionale Grünzug gerade zum Erhalt der Frischluftzufuhr, zum Luftaustausch für die Menschen und zum Schutz bei Starkregenereignissen dringend notwendig ist, hat Klimaschutz und Klimaanpassung noch immer nicht verstanden oder will nicht verstehen", so Nadler. Solange nicht beide Gutachten vorlägen, müssten sämtliche weiteren Schritte und Verhandlungen zurückgestellt werden.lb

Zunächst hebt Heger die Bedeutung von Frischluftschneisen für das Stadtklima hervor. "Dadurch, dass warme Luft leicht ist, steigt sie auf", erklärt Heger, "es entsteht Unterdruck, andere Luft fließt nach". Die nachströmende frische Luft kühlt die anliegenden Stadtgebiete, ein Luftaustausch sei gesichert. "Wenn keine Frischluft mehr in die Innenstadt käme, würde es dort mehrere Grad wärmer werden." Und so ein Wärmestau sei nicht ungefährlich, denn die Hitze wirke sich massiv auf die Gesundheit aus. "Schlimmstenfalls droht bei alten und kranken Menschen ein Hitzetod." Auch Säuglinge und arme Menschen in beengten Wohnsituationen seien besonders betroffen, ergänzt Grünen-Stadträtin Sabine Krieger.

Entschlossen gegen das neue Baukonzept stellt sich auch die Bürgerinitiative "Frischluftzufuhr für München". Mit einer Unterschriftenaktion auf Papier hat sie bereits 1800 Unterschriften gesammelt, eine Online-Petition läuft mittlerweile. "Wir haben festgestellt, dass viele Politiker die Problematik nicht kennen", erklärt ihr Sprecher Thomas Kiesmüller am Diskussionsabend. Seine Initiative wolle zunächst informieren und sensibilisieren.

Eng verwoben mit der Planung neuer Gebäude ist nach Auffassung von Grünen-Stadtratskandidatin Hannah Gerstenkorn auch das Thema Hochwasserschutz. Sie erklärt, dass der Hachinger Bach bei Hochwasser Flächen bis weit in die Stadt hinein überschwemme. Auch das jüngst vorgelegte Bebauungskonzept müsse erst vom Wasserwirtschaftsamt geprüft werden, ergänzt Joachim Lorenz. Es werde bereits versucht, in Neuperlach und Unterbiberg Retentionsflächen zu finden. Problematisch sei jedoch, dass die vorgesehenen Flächen zwar diese beiden Viertel vor Überflutungen schützten, nicht aber die anderen hochwassergefährdeten Gemeinden am Bachverlauf. Lorenz erhebt zudem die Forderung, dass sich die Planungshoheit der Kommunen nicht über die ökologischen Auflagen der Regionalpläne hinwegsetzen dürfe. Ursprünglich sah der Regionalplan einen Schutz der Freiluftschneise des Hachinger Tals vor, der für den Campeon-Komplex von Infineon erstmalig gebrochen worden sei. Eine starke Regionalplanung mit miteinander kooperierenden Gemeinden könne dem Umweltschutz zugute kommen. Bayern besitze jedoch "mit die schwächste Regionalplanung aller Bundesländer". Stadträtin Sabine Krieger ergänzt: "Bisher beharrt jeder Bürgermeister noch auf seinen eigenen Interessen." Die Regionalplanung sei ein "zahnloser Tiger".

© SZ vom 21.02.2020

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