Münchner Momente:Wollsocken und Schwimmhäute

Das Wetter bleibt so, dass nur die Flucht ins deutsche Liedgut hilft - oder in den Tierpark Hellabrunn zur geheimnisvollen Fischkatze

Glosse von Martin Bernstein

Nein, tun Sie's nicht. Drei Tage, sieben, zehn oder 16 - völlig egal, welche Prognose man anwählt. Das Wetter bleibt so, dass nur die erneute Flucht ins deutsche Liedgut hilft. Wir denken da an die Indie-Rock-Band Tocotronic und ihren Song "Kapitulation" aus dem Jahr 2007. Dort heißt es: "Die Vögel im Baum / Sie kapitulieren / Die Füchse im Bau / Sie kapitulieren / Die Wölfe im Gehege / Sie kapitulieren ..." Und so weiter. Also: Ostfriesennerz über den Norwegerpulli gestülpt, Gummistiefel an die wollbesockten Füße und ab nach Hellabrunn.

Dort nämlich gibt es allerlei possierliche Tierchen, die sich im evolutionären Prozess auf das Münchner Augustwetter 2021 vorbereitet haben. Und die das - den Grundsatz "No jokes with names" darf man ausnahmsweise an dieser Stelle missachten - schon in ihrer Nomenklatur deutlich machen. Außerdem haben Studien gezeigt, dass das Betrachten putziger Tiere Stimmung und Konzentrationsfähigkeit erhöht. Ernsthaft. Wir statten also Wasserschwein und Wellensittich einen Besuch ab, staunen über Sumpfschildkröte und -wallaby, erfreuen uns an Waschbär und Ruderente und hoffen, dass wir beim nächsten Mal nicht auch noch bei Schneeeule und Polarfuchs vorbeischauen müssen ..

. Unser Lieblingstier in diesem Zusammenhang finden wir freilich ganz hinten im Eck, zwischen den Löwen, die bald in ein neues Gehege umziehen dürfen, und dem elefantösen Superstar "Otto", dem Freund aller Kinder. Die Fischkatze. Deren Gehege ist so versteckt, dass die Tierparkmacher mit eigenen Tafeln auf diese Attraktion hinweisen müssen. "Besuchen Sie unsere Fischkatzen". Manche, unter ihnen regelmäßig der Autor, bleiben tatsächlich stehen und starren durch die Gitternetze auf der Suche nach der verheißenen Attraktion Fischkatze. Und sie sehen in der Regel: nichts. Das heißt nun freilich nicht, dass Prionailurus viverrinus ein Fabeltier à la Wolpertinger wäre. Dass sie sich rar macht, scheint arttypisch zu sein: "Über das Leben der Fischkatze in freier Wildbahn ist nahezu nichts bekannt", heißt es auf der Zoo-Seite. Ah ja. Dann geht es den Experten also auch nicht viel anders.

Vielleicht aber kommt die gestreifte Räuberin jetzt häufiger zum Vorschein, denn "ihr Fell ist wasserundurchlässig und zwischen den Zehen hat die Fischkatze kleine Schwimmhäute". Von der Fischkatze lernen hieße also planschen lernen. Feine Sache. Und nun zum Wetter ..

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© SZ vom 26.08.2021
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