Münchner Momente:Weißer Espresso

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Was tun, wenn besonders zahlungsfreudige Gäste partout nicht mit Schnapsgläsern gesehen werden wollen? Mancher Kellner beweist in derlei Situationen besonderen Einfallsreichtum.

Glosse von Stephan Handel

Die Gastronomie hat's nicht leicht in diesen Zeiten, den ganzen Tag müssen sie nachschauen, ob ihre Gäste auch genügend Gs haben, sonst dürfen sie nicht rein, und ohne eines der drei G - geimpft, getestet, genesen - wird's nichts mit dem vierten G, dem Geldverdienen. Was hilft in einer solchen Situation? Von den Besten lernen natürlich, denn die wissen, wie's geht.

Die Geschichte handelt von einem jungen Kellner in einem Restaurant im Chiemgau - sein Name soll nicht genannt werden, gerade die Besten der Branche sind meist sehr diskret. Der junge Mann also hatte im Lokal seines Arbeitgebers regelmäßig eine Runde von Leuten zu bedienen, die in der Gemeinde nicht ganz unbekannt waren, einen Honoratioren-Stammtisch hätte man das früher genannt. Die Gäste schauten nicht aufs Geld, weil sie genug davon hatten. Dennoch fiel dem Kellner eins auf: So lustig die Runde auch war und so lange sie sitzen blieben, nie aber auch wirklich nie, gab einer der Stammtischbrüder den anderen einen Schnaps aus. Dabei waren sie, was andere Alkoholika betraf, durchaus keine Abstinenzler. Nur von Spirituosen hielten sie sich fern.

Das wurmte den jungen Kellner, denn das bekamen sie schon auf der Hotelfachschule beigebracht: Den schnellstens Umsatz machst du mit Schnaps, der ist leicht hingetragen und schnell weg, und mehr verdient ist dran auch als am Bier. Also versuchte er herauszufinden, worin die merkwürdige Enthaltsamkeit seiner Stammgäste ihren Grund hatte - und kam schließlich dahinter: Die Bekannten Gesichter wollten vermeiden, dass zufällig vorbeikommende Bürger leere Stamperl auf dem Tisch sahen und das Gerede verbreiten würden, sie seien rechte Schnapsdrosseln.

Zur Überprüfung seiner Theorie brachte der Kellner beim nächsten Treffen ein Tablett mit Espresso-Tassen an den Tisch. Sie hätten aber keinen Kaffee bestellt, wunderten sich die Gäste. Das sei etwas ganz besonderes entgegnete der Kellner, nämlich: weißer Espresso! Sie möchten doch wenigstens einmal probieren. Die Stammtischbrüder nippten an der farblosen Flüssigkeit in den Tassen, und siehe da - bester Obstler befand sich darin. Von da an begab sich kein Stammtischtermin mehr, an dem nicht spätestens nach einer halben Stunde die erste, aber gewiss nicht die letzte Runde weißer Espresso bestellt wurde. Bei ähnlichen Konstellationen in Münchner Gastronomien wird dieses Angebot dringend empfohlen.

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