bedeckt München

Münchner Momente:Walfängerlieder und Sondermarken

Der Erfolg eines schottischen Briefträgers im Internet macht deutlich: Der Münchner Postbote hat seine einstige Strahlkraft eingebüßt

Glosse von Wolfgang Görl

Nun also hat Nathan Evans seinen sicheren Job als Postbote hingeschmissen, um sein Glück im Pop-Business zu suchen. Anders gesagt: Bis dato hatte er es nur mit bissigen Hunden zu tun, jetzt springt er in ein Haifischbecken! Nathan Evans? Bitte, den kennt doch jeder: Das ist der schottische Briefträger, der auf dem Videoportal Tiktok das alte neuseeländische Walfängerlied "The Wellerman" singt, was so gut ankommt, dass fast die gesamte globale Internet-Gemeinde mitträllert, mittrommelt, mitfiedelt oder sonst wie teilnimmt. Wer's nicht kennt, sollte vor dem Anhören wissen: Der Wellerman ist ein Ohrwurm der hartnäckigsten Art. Man wacht mit ihm auf und schläft mit ihm ein, er ist beim Frühstück dabei und im Home-Office, man wird ihn nicht mehr los, nicht mit autogenem Training, nicht mit russischem Impfstoff und auch nicht mit den nautischen Grundnahrungsmittel Zucker, Tee und Rum, die im Wellerman besungen werden.

Als Lockdown-Insulaner ist man ja froh, dass aus dem Internet, dieser "größten Kloake der Weltgeschichte", wie der britische Publizist Timothy Garton Ash sagt, auch mal was Erfreuliches kommt. Als Münchner Lockdown-Insulaner aber gerät man ins Grübeln: Warum war es kein Münchner Postbote, der die Idee hatte, mit einem Seemannslied das Netz zu erobern? Stoff gäbe es doch genug, etwa die uralten Shanties der Isarflößer, die zwar nicht den Kampf mit bösartigen Walen besingen, aber immerhin die nicht minder gefährlichen Gefechte mit der Bachforelle.

Doch nein, ausgerechnet ein schottischer Briefträger war schneller, und das wirft nun kein gutes Licht auf den Zustand des hiesigen Postwesens. Um es unverblümt zu sagen: Der Münchner Postbote hat seine einstige Strahlkraft eingebüßt.

Ja, es gab Zeiten, das war der Briefträger so etwas wie der gute Geist des Viertels. Jeder kannte ihn beim Namen, und auch er kannte jeden. Gerne kam er während seines Botengangs auf eine Tasse Kaffee oder einen Schnaps in die Stube, man plauderte über die jüngsten Affären im Nachbarhaus, und besonders liebevolle Aufmerksamkeit widmete der Postbote alleinstehenden Damen, denen er die Briefe und vor allem Drucksachen stets persönlich aushändigte. Er war ebenso Kavalier wie Profi - eine Vertrauensperson, für die es Ehrensache war, bis zur Mittagspause sämtliche Post ausgeliefert zu haben.

Heute kommt der Postbote irgendwann am Nachmittag. Oder am Abend oder gar nicht. Keiner kennt ihn, vielleicht ist er ja sogar ein Roboter. Den einst respektablen Postbeamten in schmucker Uniform hat man in einen dürftig bezahlten Briefzusteller verwandelt, der sich für ein börsennotierten Unternehmen abstrampelt, das seine Aktionäre mit dem Abbau von Postfilialen, Briefkästen und Arbeitsplätzen zu beglücken weiß. Keine Frage, die Deutsche Post AG tut alles, um das Briefeschreiben als Marotte ewiggestriger Sonderlinge abzustempeln. Für diese hat man auch die Sondermarken eingeführt.

© SZ vom 08.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema