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Münchner Momente:Von der Boazn in die Bräurosl

Auch bei der Wiesn ist es Zeit für ungewöhnliche Lösungen: Der Franz soll Festwirt werden. Dass er der richtige ist, hat er im Alltag längst bewiesen

Kolumne von Stephan Handel

Sowieso wird jetzt alles bescheidener, ruhiger, nachhaltiger, nicht mehr so aufgeregt und schrill, das sagen alle. Wenn das aber für die persönliche Lebensführung gilt, für die Freizeitgestaltung und den Kapitalismus - warum soll man nicht auch bei der Wiesn mal außergewöhnliche Lösungen überlegen, jetzt, wo die Heides ihre Bräurosl aufgeben und somit ein neuer Wiesnwirt gesucht werden muss. Ein knappes Jahr ist Zeit, bis entschieden wird, lange genug, um "ganz neu zu denken", wie BWLer gerne sagen, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt.

Der Franz soll's machen. Der Franz leitet seit vielen Jahren äußerst erfolgreich das "Giesinger Stadtbeisl", er managt souverän seine 15 Sitzplätze (25 mit Freischankfläche); die Stammgäste - der Franz hat nur Stammgäste - loben die Schankkultur und die Preise: Die Halbe für 3,20, wo gibt's das noch. Auch kulinarisch lässt sich der Franz nicht lumpen, er bietet ein kleines Menü an, das ist ein Paar Wiener mit Brot, sowie ein großes, das sind zwei Paar. Als das Rauchverbot über die Münchner Boazn kam, bewies der Franz Führungsqualität: Nach kaum drei Wochen hatte er seinen Gästen klargemacht, dass nun auch im "Giesinger Stadtbeisl" nicht mehr gequalmt werden darf. Und das eingeschränkte Platzangebot wegen der Abstandsregeln hat dem Franz überhaupt kein Problem gemacht: Zwar darf er nur mehr halb so viele Leute reinlassen wie zuvor, dafür animiert er diese, einfach drei Mal so viel zu saufen, schon geht's wieder.

Also, der Franz wär' genau der Richtige für die Bräurosl. Schön bodenständig würde er's dekorieren mit den Schildern, die er eh schon in seiner Boazn hängen hat: "Jeder muss an etwas glauben. Ich glaub', ich trink noch eins". Gewiss würden seine Stammgäste ihm folgen und so die Wiesn wieder ein Stück münchnerischer machen. Und auch, wenn es das "Giesinger Stadtbeisl" in Wirklichkeit gar nicht gibt: Franz for Wiesnwirt, das wär' doch mal was.

© SZ vom 14.07.2020

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