bedeckt München

Münchner Momente:Ungenutzt und umgenutzt

In der Pandemie finden Räumlichkeiten eine neue Bestimmung. Ein paar Vorschläge für weitere Umwidmungen

Glosse von Anna Hoben

Lange Zeit waren Zwischennutzungen das Ding in München. Bevor ein Haus abgerissen wurde und an der selben Stelle irgendetwas Neues, Glänzendes und Teures entstand, durften sich Kreative für eine gewisse Zeit dort austoben, mit Befristungen kannten sie sich ja aus. Jetzt ist in der Stadt die Ära der Umnutzung angebrochen. So wie im vergangenen Frühjahr der große Stoffwechsel begann und aus alten Vorhangtextilien moderne Gesichtsbedeckungen wurden, so wandeln sich gerade Orte und Räume.

Die linke Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke zum Beispiel hat in dieser Woche ihr Wahlkreisbüro zum Copyshop für Kinder umfunktioniert. Schülerinnen und Schüler, die zu Hause nicht über die technische Ausstattung verfügen, können dort nun kostenlos Schulaufgaben scannen, drucken und kopieren. Das ist wirklich eine tolle Idee für eine sinnvolle Büronutzung. Denkbar für Umnutzungen sind aber noch viele andere Szenarien. Unterricht in Tagungsräumen von Hotels ist ein Vorschlag, der schon mehrere Runden durch Köpfe und Zeitungen gedreht hat. Hotels gibt es reichlich in München; während der Pausen könnten die Jugendlichen ein konzentrationsförderndes Schläfchen halten, jeder im eigenen Zimmer. Den Roomservice würde der bayerische Kultusminister Piazolo bezahlen. Kleine Entschädigung für die Problemchen mit der Lernplattform Mebis.

Man könnte, wenn es wieder wärmer wird, Kneipentische auf Parkplätze stellen und das Ergebnis Schanigarten taufen, weil es so hübsch klingt. Vielleicht könnten in der Pandemie aber auch Büros in Wohnungen untergebracht werden, nennen könnte man dieses Konzept Home-Office. Wenn Arbeitgeber das jetzt noch in großem Umfang zulassen würden, könnte dieses Home-Office sogar gegen die Verbreitung des Virus helfen. In den gleichzeitig frei werdenden Büros wiederum könnte man Wohnungen für Münchens nahezu 10 000 Wohnungslose einrichten, sogenannte Office-Homes - und eines der größten Probleme der Stadt wäre auf einen Schlag gelöst.

© SZ vom 22.01.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema