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Münchner Momente:Teure Gastfreundschaft

Schon zu normalen Zeiten wird es zunehmend schwieriger, dem Fußball-Wahnsinn zu entfliehen. Das wird unmöglich, wenn der Sport in die eigene Stadt kommt. Und dafür bezahlt die Stadt auch noch viel Geld

Natürlich ist es großartig, wenn eine ganze Kneipe gemeinsam auf eine Leinwand schaut und dabei die Umgebung mit Schreien, Seufzen, Stöhnen oder extraschlauen Kommentaren beglückt. Es ist großartig, die sportlichen Leistungen anderer Leute so zu würdigen, als ob es die eigenen wären. Und noch großartiger ist es, dass man nicht gezwungen ist, daran teilzunehmen - auch wenn es zunehmend schwieriger wird, dem Public-Viewing-Terror zu entgehen.

Nicht entkommen kann der gemeine Münchner freilich, wenn der Fußball live ins eigene Städtchen kommt und es ans Zahlen geht. Denn anders als in praktisch allen anderen Fällen, bei denen jemand fremde Infrastruktur in Beschlag nimmt, muss bei großen Fußball-Events nicht der Nutzer, sondern die Gastgeber-Stadt zahlen. Einfach so, weil das der Nutzer so will. Für Sicherheitsvorkehrungen, technische Anlagen, Toiletten und Unterhaltungsprogramm. Damit die ebenso sympathischen wie notleidenden Sportverbände nicht die eigene Kasse bemühen müssen. Allein die EM 2020 kostet das Rathaus 15,6 Millionen Euro. Dafür gibt es vier Fußballspiele, netten Fanbesuch und jede Menge Schreien, Seufzen und Stöhnen. Im Stadion wie in der Kneipe.

Noch beeindruckender wird der finanzielle Kraftakt der Stadt, wenn man auch die EM 2024, das Champions-League-Finale 2022 und die zugegebenermaßen nicht dem Fußball zuzurechnenden European Championships 2022 berücksichtigt. Dann steigt der Münchner Geldsegen für internationale Sportereignisse auf rund 70 bis 80 Millionen Euro, was in etwa den Baukosten eines vierzügigen Gymnasiums entspricht. Immerhin: Schon enthalten ist eine Dinnerparty am Vorabend des Champions-League-Finales, bei dem die Stadt 600 Funktionären und Ehrengästen ein gehobenes Abendessen kredenzt. Die Millionensumme würde theoretisch aber auch für ein kleines Verkehrsflugzeug reichen, das mit der Aufschrift "Landeshauptstadt München" international Werbung betreiben könnte. Dann müssten die Münchner die sportlichen Highlights eben in der Glotze bejubeln. Tun sie ja sonst auch.

© SZ vom 07.11.2019
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