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Münchner Momente:Spannung im Glasfaserkabel

Die Digitalisierung erreicht Pasing. Damit die Bits aber wirklich ins Reihenhaus rauschen können, ist ein Schweigegelübde gefragt

Glosse von Stephan Handel

Die unaufhörliche voranschreitende Digitalisierung des Fortschrittslandes Bayern hat mittlerweile sogar Pasing erreicht: Das Glasfaserkabel verbindet nun den Münchner Westen mit der Zivilisation und dem schnellen Internet. Leider wurde vor der Installation der Hausanschlüsse versäumt, den Bürgern eines zu sagen: dass sie, um die Zukunftstechnologie nutzen zu können, einen Provider-Vertrag entweder mit M-net oder mit 1&1 haben müssen. Der Nutzer würde also gerne sein Glasfaserkabel auf das Wohl der Stadt erheben - unglücklicherweise hat er gerade zwei Wochen zuvor einen anderen Vertrag abgeschlossen, und der gilt jetzt erst einmal, sodass der Hausanschluss unnütz und ungenutzt im Keller an der Wand hängt. Bis Herbst 2022.

Macht nichts, sagt der sehr nette M-net-Mann im beginnenden Frühjahr 2021: Man kann die Kündigung und die Umstellung jetzt schon vorbereiten, die Tochterfirma der Stadtwerke kümmere sich rechtzeitig um alles. Also gibt es hier eine Unterschrift, da einen Rabatt, dort eine Bankverbindung und dann noch eine Tiefpreisgarantie auf einem eigenen kleinen Kärtchen. Als schon ein stattlicher Stapel Papier vor dem künftigen M-net-Kunden liegt, zieht der Berater - nahm seine Miene da einen Zug ins Verschwörerische an? -, zieht er also ein letztes Blatt aus seiner Mappe. Dieses ist überschrieben mit "Lassen Sie sich nicht verunsichern!". Es wird nämlich so sein, erklärt der Berater, dass der alte Provider, wenn er die Kündigung erhalten hat, ganz bestimmt versuchen wird, diese abzuwenden: "Die werden Sie anrufen." Dann, so der Rat von Mann und Merkblatt, sei es am besten, gar nichts zu sagen, weil diese Telefonate nämlich aufgezeichnet werden, und ein falsches Wort genügt den Kündigungsabwehrjuristen dann schon. "Sagen Sie nur, dass Sie nicht mehr angerufen werden sollen und legen Sie auf."

Wow. Eine Glasfaserkabel-Omertà. Ein Schweigegelübde aller M-net-Kunden. Wie begehrt sie sich alle fühlen dürfen, der eine Anbieter will sie unbedingt behalten, der andere sie davor bewahren. Jetzt wartet der Nutzer auf zweierlei: auf 2022, wenn die Bits durchs Kabel ins Pasinger Reihenhaus rauschen. Und auf den Anruf von der Konkurrenz. Das wird spannend.

© SZ vom 25.02.2021
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