Münchner Momente:Söder, Reiter und die Hörgeräte

Zum 75. Geburtstag erhält eine SZ-Leserin Glückwünsche: von ungewohnter Seite - aber sicher nicht von ungefähr

Glosse von Tom Soyer

Für "untergegangene Wörter" gibt es ein eigenes Lexikon, das ein ägyptischer Germanist mal zusammengetragen hat. Vermutlich könnte man inzwischen auch bald ein Lexikon untergegangener Anstandsbekundungen verfassen - wären da nicht Ministerpräsident Markus Söder und Oberbürgermeister Dieter Reiter, die sich mutig gegen den Verfall der Sitten stemmen.

Hat man einen Ehrentag, erhält man heutzutage bestenfalls noch eine Whatsapp-Nachricht, mit wenig Text und vielen Emojis. Kaum mehr hingegen werden echte Geburtstagsbriefe mit der Post geschickt. Da kommt nun als Retter der Postillione beispielsweise Bayerns Ministerpräsident ins Spiel. Wie eine Leserin aus München-Neuhausen sehr anschaulich geschildert hat, fielen bei ihr der Wahlsonntag und der 75. Geburtstag zusammen. Bisher hätten sich nur ihre Familie und ein paar Freunde für ihren Geburtstag interessiert. In diesem Jahr war alles anders: Am 24. September ging ein auf den 26. vordatiertes Schreiben bei ihr ein. "Dr. Markus Söder gratuliert zum Geburtstag, wünscht mir alles Gute und merkt bewundernd an, das von mir Erreichte könne mich mit Stolz erfüllen", berichtet die Geehrte. Als sie ihrem Enkel von dieser hohen Auszeichnung erzählte, winkte der nur cool ab: "Der Söder? Der hat mir auch gratuliert." Der junge Mann war 18 geworden und Erstwähler.

"Wahlen. Wie komme ich jetzt auf Wahlen?", sinniert die Jubilarin. Wo doch von Wahlen gar nichts auf der Gratulationspost stand. Am Samstag, 25. September, kam wieder unerwartete Glückwunschpost. Diesmal von OB Dieter Reiter. "Er gratuliert zum Geburtstag und wünscht mir alles Gute - von dem von mir Erreichten ist nicht die Rede, das gibt einen Punktabzug", kommentiert die Adressatin, und schweift in Gedanken ab an die vielen schlecht bezahlten Hilfskräfte, die da wohl die Glückwunschschreiben an die Millionen 18-, 75-, 80-, 100-Jährigen zwischen Passau und Aschaffenburg eingetütet und durch die Frankiermaschine gejagt haben mögen.

Eine großartige Rettungstat für die gelbe Post ist das, und noch dazu eine hochanständige und völlig uneigennützige Wertschätzung einer Münchner Bürgerin. Warum aber, beginnt sie zu grübeln, "hat meinem Mann vor drei Jahren kein Ministerpräsident und kein Oberbürgermeister zum 75. gratuliert? Und: Woher kennen die Herren eigentlich meinen Namen, meine Adresse und mein Geburtsdatum?" Fragen über Fragen. Die Gratulationen hat sie an ihrer Pinnwand zwischen denen ihres Hörgeräteakustikers, ihres Optikers und ihrer Bank aufgehängt.

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