bedeckt München 18°

Münchner Momente:Silicon Sendling

Die Münchner Volkshochschule wagt, woran das Kultusministerium bisher scheitert: die Digitalisierung ihres kompletten Programms. Wenn das mal gut geht

Glosse von Franz Kotteder

Selbstgeißelung ist momentan eine wichtige Disziplin im Lande, wenn es um die Digitalisierung geht. Das ist nicht verwunderlich, denn schließlich sind auf den diversen Social-Media-Kanäle genügend Wutbürger mit Hohn und Spott unterwegs. Da wird dann gewettert über die Gesundheitsämter mit ihren steinzeitlichen Faxgeräten und empfohlen, sie sollten doch lieber bei ihren reitenden Boten bleiben. Oder es wird hergezogen über das bescheuerte bayerische Kultusministerium, das eine völlig funktionsunfähige Plattform namens Mebis betreibt, obwohl Rauchzeichen oder Brieftauben deutlich wirkungsvoller wären.

Gut, was das Kultusministerium angeht, liegt man da ja vielleicht gar nicht so falsch. Man dürfte am Salvatorplatz mit Ausnahme des Ministers nur wenige Beamte treffen, die ihre Digitalagenda selbstbewusst verteidigen. Da mutet es dann aber direkt verwegen an, was eine andere Bildungseinrichtung so vorhat, die Münchner Volkshochschule nämlich. An diesem Montag beginnt die Einschreibung fürs Sommersemester. Und da sind es die Wissbegierigen eigentlich gewohnt, dass sie sich erst durch ein telefonbuchdickes Kursprogramm durchackern müssen, um schließlich den Weg zum Weiserwerden einschlagen zu können.

Und dann so etwas: Wegen der Pandemie und möglichen kurzfristigen Änderungen gibt es keinen Wälzer, sondern bloß eine App fürs Smartphone oder Tablet. Damit kann man sich dann unter rund 9000 Kursen etwas Passendes aussuchen und auch gleich buchen, sich mit Dozenten vernetzen sowie aktuelle Infos abrufen. Silicon Valley statt Untersendling, quasi! Es ist "die erste, eigene App einer Volkshochschule in Deutschland", prahlt die VHS. Ein bisschen erinnert einen das an die Einführung der Corona-App, und man hofft nur, dass die App der Volkshochschule ein bisschen erfolgreicher ist und nicht zur Risikobegegnung wird. Ansonsten freuen wir uns auf neue Digital-Kurse wie "Kochen mit Achtsamkeit im Home-Office" oder "Haareschneiden per Zoom". Falls die App nicht funktioniert, holen wir das alte Faxgerät vom Speicher, fest versprochen.

© SZ vom 01.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema