bedeckt München

Münchner Momente:Schnee? Was war das gleich wieder?

Der Schönwettermünchner lernt seine Stadt in diesem Winter neu kennen. Verreisen kann er nicht. Wie in jeder ernsten Beziehung gilt es jetzt, sich auf Dinge konzentrieren, die trotzdem gut sind

Glosse von Laura Kaufmann

Ein nicht zu unterschätzender Anteil der Bevölkerung dieser Stadt ist sogenannter Schönwettermünchner. Stehen die düsteren Monate ins Haus, freut er sich auf seinen Flug in einen anderen Erdteil. Während sich Restmünchen den Schal enger um den Hals zieht und Taschenwärmer umklammert, bohrt der Schönwettermünchner seine Zehen in den Sand eines exotischen Landes und nippt an einer frischen Kokosnuss.

Nun, der Schönwettermünchner lernt seine Stadt in diesem Winter neu kennen. Wie in jeder ernsten Beziehung gilt es jetzt, nicht nur die Sonnenseiten mitzunehmen. Die Kälte aushalten. Sich auf Dinge konzentrieren, die trotzdem gut sind, sprich, sich mit grauem Himmel, Nässe und Frost anfreunden. Zur Belohnung offenbart sich ihm ein beinahe vergessenes Naturschauspiel: Schnee. Wunderschöner Pappschnee, der sogar in der Innenstadt liegen bleibt. Schnee, der die trübe Tristesse aufhellt, kahle Äste verhüllt, geheimnisvolle Stille mit sich bringt. Schnee, der zu etwas einlädt. Aber, der Schönwettermünchner kramt in seiner trüben Erinnerung, was war das gleich wieder? Skifahren? Selbst wenn er das noch könnte, die Ausrüstung würde fehlen. Schlittschuhe? Stehen schon lang keine mehr im Keller. Rodeln? Die Geheimtipps, wo noch Schlitten zu erwerben sind, werden nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitergegeben. Langlaufen, geht das irgendwo in der Stadt? Der Schönwettermünchner leidet unter Orientierungslosigkeit.

So bleibt die Schneeballschlacht, das Schneemannbauen und natürlich: Spazierengehen. Für Unerschrockene das Eisbaden. So ein Schneemann-Foto oder gar eines mit nackten Schultern im Eisbach macht sich in den sozialen Netzwerken fast so gut wie ein Kokosnuss-unter-Palmen-Bild. Aber kaum hat sich der Schönwettermünchner ganz neu in seine Stadt verliebt, bekommen seine aufblühenden Gefühle einen Dämpfer: Es taut.

© SZ vom 28.01.2021
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