Münchner Momente:Schäflein im Trockenen

Sechs Konfirmandinnen und Konfirmanden bereiten sich auf den großen Tag vor. Doch kurz bevor es so weit ist, kommt die Hiobsbotschaft

Glosse von Ulrike Heidenreich

An Wochenenden wie dem vergangenen wird in den Kirchen ziemlich heftig gearbeitet, und zwar im Akkord. Die Pfarrer müssen schauen, dass sie ihre Schäflein ins Trockene bringen, sprich dass sie die Jugendlichen ordentlich firmen oder konfirmieren. Weil aber in diesen Zeiten nicht nur das Alpha und das Omega eine Rolle spielt, das Symbol für Anfang und Ende, Gott und Christus, sondern auch das Delta in Form einer besonders fiesen Virus-Variante, haben sie ein Problem. Sie dürfen nicht alle Firmlinge oder Konfirmanden mit ihren Familien auf einmal in die Kirche laden. Nein, die Pfarrer rufen wohldosiert zum Gottesdienst, fast wie im Impfzentrum, oft samstags und sonntags, mal in Gruppen zu fünft, zu zehnt, manchmal am Tag mehrere hintereinander. Immer schön mit Abstand.

Genau so ist auch alles für den großen Tag von sechs Konfirmandinnen und Konfirmanden geplant. Doch kurz davor die Hiobsbotschaft: Eine infiziert, vier in Quarantäne - bleibt nur noch der Max übrig. Die Verwandten aus der Ferne angereist, das Buffet bestellt, Verschieben keine Option. Gütiger Himmel, und was geschieht? Das volle Programm. Zwar nicht mit Pauken und Trompeten, aber mit begeisterter Organistin und dem Münchner Konzertchor. Der singt hingebungsvoll "Tut mir auf die schöne Pforte", während der Solo-Konfirmand im guten Anzug den Einzug ins Kirchenschiff absolviert. Neben sich den Pfarrer, hinter sich den Kirchenvorstand, ganz wie es sich gehört. Damit die Kirchenbänke nicht gar so leer scheinen, sind Schulfreunde herbeigeeilt. Durch die Fensterrosette strahlt das Licht, Glockenläuten, Psalm, Kyrie, schöne Predigt, Fürbitten, das volle Repertoire.

Die Harlachinger Emmauskirche, dort wo eigentlich Platz für 500 Gläubige und mehr ist, feiert einen einzigen Konfirmanden so, als ob da eine ganze große Schar vor dem Altar stünde. Ob dieser ungewöhnlichen Szenerie vermutet der Kirchenvorstand gleich eine Message von ganz oben und dass der Liebe Gott deutlich etwas vorhabe mit dem jungen Max. Die Message, die gute Nachricht, für alle ist, dass die Sehnsucht nach Normalität so groß ist, dass man sie unbeirrt und ganz einfach umsetzen kann. Alpha und Omega - von Delta lässt man sich da nicht unterkriegen.

© SZ vom 12.07.2021
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