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Münchner Momente:Neue Nähe auf Distanz

Die einst wenig geliebte Videokonferenz erlebt gerade eine gesunde Karriere im Privaten, als echter Gute-Laune-Freiraum

Glosse von Tom Soyer

Ein 60. Geburtstag mitten in der Pandemie kann eine Super-Party sein. Wie das geht? Na, von den täglichen Videokonferenzen lernen! Carmen, eine liebe Freundin, hat alle zur großen Zoom-Konferenz geladen: den Chor, die Familienmitglieder, Arbeitskolleginnen, Freunde aus Studientagen, und schließlich die Münchner Blosn inklusive ihrem Mädelsclub. Getränke und Schnittchen musste sich jeder und jede selbst bereitstellen, Carmen hat dafür drei Dutzend Konferenzfreunde mit einem Foto-Rätsel-Gewinnspiel fast zwei Stunden lang unterhalten.

Das geht recht einfach und gesellig mit Tablet, PC oder Smartphone. In fünf Gruppen wurde gerätselt, ob jenes OP-Scheren-Ensemble wirklich ein Werk des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch sein kann (ja, zu sehen in einem Museum in Neapel), und wo sich dieses seltsame Nordpol-Entfernungsschild befindet, das die einen in Süd- oder Westfrankreich vermuteten, andere beharrlich in Casablanca, das aber irgendwo in Siebenbürgen steht. Entertainer-Talente haben sich dabei Bahn gebrochen, die Sache verlief in einer digitalen wie mentalen Stabilität, wie man sie Eltern im Homeschooling derzeit nur wünschen kann. Viele Freunde waren dankbar fürs regelkonforme Wiedersehen.

Wer vor zwei Jahren eine solche Videokonferenz vorgeschlagen hätte, wäre für verrückt erklärt worden. Ein Kollege aus der Redaktion nutzt die Videokonferenz inzwischen zu entspannenden Kartenspiel-Runden mit seinem Nachbarn. Da werden zwar nur wenige Meter Luftlinie ins Nachbarhaus überbrückt, aber alle Ausgangsbeschränkungen perfekt eingehalten.

In einer anderen Familie wurde zuletzt sogar "Die Siedler von Catan" zu sechst und über mehr als 500 Kilometer Entfernung hinweg gespielt. Mehr als vier Stunden wurde zwischen Westerwald und München gefeilscht und gespottet, gelacht und geratscht. Und jeder Zug parallel da wie dort ausgeführt auf dem Brett. Wer gewonnen hat, war schließlich nicht mehr wichtig, dafür aber, dass sich alle nah waren und eine schöne, heitere Zeit hatten.

Ob Geburtstags-Rätsel, die Kartenrunde oder das Siedler-Fernduell: Die einst wenig geliebte Videokonferenz erlebt gerade eine gesunde Karriere im Privaten, als echter Gute-Laune-Freiraum. Da geht was.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version war beim Kartenspiel vom Schafkopfen die Rede. Das beruhte auf einem Missverständnis, gespielt wird "Whist", bei dem zwei oder drei Paare vor zwei oder drei Bildschirmen jeweils für sich mit einem französischen Kartenset spielen und punkten. Beim Schafkopfen wär schon das Kartengeben schwierig.

© SZ vom 29.01.2021
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