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Biergarten-Knigge:Warum Neubiergartler nerven

Ob man sich hier wohl dazusetzen darf?

(Foto: Robert Haas)

Brotzeit-Mitbringen oder Irgendwo-Dazusetzen: Wie das im Biergarten funktioniert, erklären zum Glück viele Ratgeber. Dummerweise verschweigen sie manches.

Kolumne von Andreas Schubert

Man begegnet immer wieder Menschen, die zum allerersten Mal in einem Biergarten sind. Und weil so ein Neubiergartler sich gerne vorab informiert, finden sich im Internet allerhand Seiten mit Verhaltenstipps, die das mit dem Brotzeit-Mitbringen genauso erklären wie das mit dem Irgendwo-Dazusetzen. So mancher Tippgeber vertut sich da schon mal. Da rät zum Beispiel einer von der Essener Knigge-Akademie, man möge immer zuerst fragen, ob noch ein Platz frei ist, nur um dann fortzufahren, man könne sich bei einem "Nein" trotzdem dazusetzen, wenn sonst nichts anderes frei ist.

Er verschweigt allerdings, dass es einen Unterschied macht, ob man sich einer Runde angesoffener Bauarbeiter aufdrängt oder einer Gruppe Sozialpädagogen mit alkoholfreiem Radler im Glas. Was er noch weglässt, ist, dass man im Fall eins nach der ersten Watschn auch noch so höflich sein sollte, die andere Wange hinzuhalten. Aber das versteht sich für wohlerzogene Zeitgenossen von selbst.

In keinem Biergarten-Knigge sind übrigens die Schlangenbremser am Ausschank erwähnt. Das sind ganz häufig Gäste, die nicht einsehen wollen, dass sie in vielen Biergärten bei Hochbetrieb kein "halbes Helles" mehr bekommen und über diese Frechheit unbedingt diskutieren wollen. Dann gibt es noch solche, die sich vom Schankkellner beraten lassen, was sie trinken sollen, wie es etwa von einer älteren Frau am Bavariapark überliefert ist. Sie: "Ich habe noch nie Bier getrunken, was empfehlen Sie mir denn?" Er: "Was trinken's denn sonst so?" Sie: "Wein." Er: "Dann nehmen's a Dunkles." Schlagfertigkeit kann nie schaden - das ist gut für den sozialen Frieden in der Schlange.

Eine besondere Bremserin war etwa auch eine junge Frau am Chinesischen Turm, die ernsthaft versuchte, eine inzwischen schaumlose Mass zurückzugeben, weil sie im falschen Biergarten sei, die Freunde warteten woanders. Die gestresste Kassiererin meinte nur, sie solle es an einer anderen Kasse versuchen. Verständlich, dass es in so einem Fall auch dem abgebrühtesten Personal die Sprache verschlägt. All die Knigges dieser Welt sollten deshalb dringend einen Passus aufnehmen, nämlich den, dass eine Mass kein zu enges Kleidchen von H&M ist.

© SZ vom 10.08.2016/amm/bhi
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