Münchner Momente Kindl und Kindisches

Ein Tag, zwei Welten: Sich zwischen den verschiedenen Milieus der Stadt zu bewegen, macht viel Spaß

Kolumne von Andreas Schubert

In vielen Texten, auch in dieser Zeitung, und gerade an dieser Stelle, ist nicht selten von dem Münchner oder der Münchnerin die Rede, ohne dass dieser Begriff dann genauer erläutert wird. Dass dies unterbleibt, hat auch seinen Grund: Es gibt gar keine Münchner, die sich idealtypisch als solche definieren lassen. Nun mögen diejenigen, die sich bei jeder Gelegenheit als "echtes Münchner Kindl" titulieren, empört den Finger heben. Schließlich hätten die eigenen Vorfahren schon hier gelebt, da war Heinrich der Löwe noch in Abrahams Wurschtkessel. Oder noch früher.

Aber um Kindl-Getue und Abstammungsdünkel geht es gar nicht. Es geht um die Milieus in München, die sich zum Teil erheblich unterscheiden und nur selten mischen. Man nimmt das ja gar nicht immer so wahr, aber manchmal dann doch, zum Beispiel beim Einkaufen. Neulich, in einem großen Gartencenter vor den Toren der Stadt, schaffte man es kaum von den Rosen zu den Azaleen, ohne dass mindestens zweimal eine Durchsage kam à la "der vierjährige - (hier steht ein modischer Doppelname) - wartet an der Kundeninformation auf seine Eltern". Später dann, in einem Feinkostmarkt im Schlachthofviertel, wurde "der Besitzer des schwarzen Maserati Quattroporte" gebeten, diesen bitte zu entfernen. Ob sein Wagen nun lediglich die Feuerwehrzufahrt versperrte oder gleich den Eingang zum Markt, war wegen des champagnerseligen Gelächters der Menschen im Marktbistro, wo selbstverständlich auch der Maserati-Fahrer saß, nicht mehr zu verstehen.

Ein Tag, zwei Welten: Sich zwischen den Milieus zu bewegen macht Spaß, man lernt so einiges, zum Beispiel, dass es lustige Kinder- und Autonamen gibt, nicht aber den Münchner an sich. Der wird immer ein diffuses Wesen bleiben. Und wer das nicht glauben will, dem sei geraten: raus aus der Blase!