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Münchner Momente:Keiner mag uns

Gäste aus München sind in anderen Bundesländern gerade unerwünscht, nur wegen Corona. Wenn die wüssten, was ihnen entgeht

Kolumne von Stephan Handel

Man kann das nicht anders sagen, aber kaum haben die anderen mal die Gelegenheit erkannt, es den Münchnern so richtig zu zeigen, da haben sie das auch getan: "Keiner mag euch", rufen Baden-Württemberg und Brandenburg, Hamburg und Hessen, das Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz. Sogar die Flachpfeifen aus Schleswig-Holstein (höchste Erhebung: Bungsberg, 167,4 Meter) pinkeln uns Alpenländlern an die Knöchel: Münchner unerwünscht!

Corona ist dabei natürlich nur ein Vorwand. In Wirklichkeit ertragen es die anderen schlicht und einfach nicht, dass der Münchner, wenn er schon mal wo hinfährt, überhaupt nichts dagegen hat, die dortigen Eingeborenen an der überlegenen Kultur der bayerischen Hauptstadt teilhaben zu lassen. Bekommt er in Hamburg Labskaus serviert und fragt der Ober, ob er das schon mal gegessen habe, antwortet der Münchner: "Nein, aber es sieht so aus." Behauptet ein Berliner, bei ihnen gebe es auch gutes Weißbier, hört er vom Bayern die Frage, warum sie dann einen Himbeersaft hineintun. Dem Baden-Württemberger erklärt er, dass es nicht immer und zu allem Spätzle geben muss, ein gscheider Knödel wäre auch mal was. Und begegnet der Münchner einem Saarländer, dann fragt er ihn, wie oft sein Land denn eigentlich auf einen Fußballplatz passe.

Das alles tut der Münchner natürlich nicht aus Besserwisserei, sondern in dem Bestreben, für eine Angleichung der allgemeinen Lebensbedingungen zu sorgen, sodass es einmal alle so schön haben wie wir hier. Die Leute in Schleswig-Holstein zum Beispiel sind gezwungen, einen Eintopf von offenbar so grandioser Scheußlichkeit zu essen, dass sie ihm selbst den Namen "Rübenmalheur" gegeben haben. Da könnten wir ihnen das Rezept für ein schönes Pichelsteiner mitbringen, das ist etwas Solides, ganz und gar Unmalheuriges, das würde gewiss auch dem Wasserkantler schmecken. Aber bitte, wer nicht will, der hat schon. Bleiben wir halt hier und essen selber unser saures Lüngerl. Mit Semmelknödel, nicht mit Spätzle.

© SZ vom 25.09.2020

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