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Münchner Momente:Falsche Schlangen

Anstehen wie die Briten - ohne Gedrängel und Pöbeleien. Das hätte es vor Corona in München nicht gegeben

Glosse von Wolfgang Görl

In Extremsituationen entwickelt der Mensch oft Fähigkeiten, die keiner von ihm erwartet hätte, und - was besonders überraschend ist: Das gilt auch für den Münchner. Hätte es irgendjemand für möglich gehalten, dass die Münchner eine Warteschlange bilden können, gegen welche selbst die für ihr Ebenmaß berühmte britische Schlange wie ein Hühnerhaufen aussieht? Tatsächlich aber ist es so. Vorm Bäcker, vor der Apotheke, vor der Post, ja überall stellen sich Menschen in Paradeformation auf, die an die Pinguin-Wanderungen in der Antarktis erinnert, sieht man davon ab, dass bei es bei den Pinguinen vorangeht, hier aber Stillstand herrscht. Dieser gänzlich unmünchnerische Zustand wird dadurch gemildert, dass die Wartenden sich größte Mühe geben, grantig zu schauen - eine letzte Reminiszenz an das gute alte München der Vorcorona-Zeit.

In diesen seligen Jahren galt die Münchner Warteschlange als der kontradiktorische Gegensatz zur Britenschlange, der queue. Dort die Disziplin von Inselbewohnern, die ausschließlich von Tee, Fisch und Chips leben, hier der gelebte Anarchismus von Stadtbürgern, die an einem Tag Veganer sind und am folgenden Dry-aged-T-Bone-Steak-Liebhaber. In ihrer Reinkultur war die klassische Münchner Schlange auf dem Oktoberfest (die Älteren erinnern sich noch daran) zu bewundern, wo sich vor Öffnung der Bierzelte stets eine Menschentraube vor den Eingängen bildete, die äußerst dynamisch war. Über Stunden hinweg kämpften die Leute um die vordersten Plätze, wobei Fäuste und Ellbogen in nicht immer fairer Weise zum Einsatz kamen und ständige Positionswechsel die Regel waren. Wer eben noch in erster Reihe stand, sah sich wenig später aussichtslos an den Rand gedrängt. Ein größeres Vergnügen als diese dem Überlebenskampf in der Natur nachempfundene Rangelei konnte es für den echten Münchner nicht geben. Dagegen war das anschließende Herumhocken im Bierzelt direkt langweilig.

Tja leider, das ist jetzt vorbei, zumindest vorläufig. Manchmal aber gibt es noch Lichtblicke, manchmal ereignen sich selbst in der vorbildlichsten Corona-Schlange Vorfälle, in denen die Altmünchner Tradition aufs Erfreulichste zum Tragen kommt. Da stehen also rund 50 Frauen und Männer in einer Endlosschlange vorm Delikatessengeschäft, die letzten schauen besonders verdrießlich, weil sie ahnen, dass sie vor Ladenschluss nicht mehr dran kommen - und dann ist es meist eine Dame vom Typ Bogenhauser Charity-Lady, die mit der Grazie einer Prinzessin an den Wartenden vorbei durch die Ladentür stöckelt. Jetzt kommt Leben in die Schlange. Gedämpft durch den Mund-Nasen-Schutz hagelt es Schimpfworte, "bläde Amsel" ist noch das mildeste. Madame aber lässt sich nicht beirren. Madame ist drin, wo man sie mit "gnä Frau" anredet. Unsereins bleibt da lieber still. Könnte ja sein, dass eine gute Bekannte unter der Maske steckt.

© SZ vom 15.12.2020
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