Süddeutsche Zeitung

Münchner Momente:Ein Lied kann eine Tücke sein

In Corona-Zeiten verzweifeln manche Familien geradezu an ihrer Freizeitgestaltung. Doch eines sollten sie wirklich tunlichst lassen

Kolumne von Stephan Handel

Weil niemand unnötig vor die Tür gehen sollte, die Mutter nicht zum Weiberstammtisch, der Vater nicht ins Fitness-Studio, die Kinder nicht zum chillen und der Opa nicht zum Kegelscheibn, begannen die Familien in ihrer Verzweiflung zu spielen. Und als dann Kniffel durch war, Risiko ebenfalls und Mensch-ärgere-dich nicht schon lange, da dachten sie sich selber Spiele aus. Und das ging nicht gut, oh nein, das ging überhaupt nicht gut.

Eine der fürchterlichsten Erfindungen aus dieser fürchterlichen Zeit heißt "Jeder ein Lied", und das geht so: die Familie versammelt sich in familiärer Runde, auf dem Tisch liegt ein Tablet oder ein Handy, geöffnet ist die Youtube-App - jetzt darf jeder reihum ein Lied seiner Wahl aufrufen, die anderen müssen es bis zum Ende anhören. Der Vater erinnert sich an die Jugend und erfreut seine Lieben mit den schönsten Motörhead-Songs, die Mutter versucht ihn wie immer mit Robbie Williams einerseits eifersüchtig, andererseits romantisch zu stimmen (die Kinder schauen angeekelt weg), der pubertierende Sohn zeigt seine Verachtung durch ein wummerndes Psy-Dance-Techno-Zeug von unglaublicher Monotonie, dafür 18 Minuten lang, und das Grundschulmädchen trällert glücklich zu "Hörst du die Regenwürmer husten". Als Opa sich auch noch zum Mitmachen überreden lässt, bekommen die Nachfahren einen umfassenden Überblick über das künstlerische Schaffen von Ernst Mosch.

Nach zwei Abenden mit dieser Unterhaltungsfolter ist der Vater gewillt, die Maskenpflicht von Mund und Nase auch auf die Ohren auszudehnen, die Mutter ist sauer, weil das mit der Robbie-Williams-Romantik wieder nicht geklappt hat, der Sohn müffelt, er chille doch lieber wieder allein, Opa sagt, er wisse aber noch eine besonders schöne Mosch-Polka, und die Kleine besteht auf einer erneuten Performance von "Wie schön, dass du geboren bist". Die Familie ist nun auf das Übelste gespalten, das hätte Twitter-Trump im Leben nicht so hinbekommen. Alle wünschen sich nur eins: Vor die Tür gehen zu können. Und nie mehr wieder mit der Familie spielen müssen.

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Quelle:
SZ vom 03.06.2020
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