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Münchner Momente:Eilige Nacht

Kurz vor 21 Uhr müssten allabendlich die Radarfallen heißlaufen. Tun sie aber nicht. Ein Wunder oder doch nur eine Sinnestäuschung?

Glosse von Alex Rühle

Es ist nur eine Vermutung, basierend auf einer einmaligen Er-Fahrung und seither ein paar abendlichen Beobachtungen. Außerdem sagen sie bei der Münchner Polizei, stimmt gar nicht. Insofern war das Eine vielleicht eine weihnachtliche Ausnahme und das Andere, naja, Nietzsche hat gesagt, Philosophen seien Menschen, die einen Stein hinter einem Baum verstecken und dann gehen sie ihn suchen. Vielleicht war die Raserei der Anderen in den Tagen seither also auch reine Einbildung.

Heiligabend. Erstmals seit Wochen holen wir meinen Vater zu Besuch. Endlich beisammen, es ist herzlich und rundum schön, und so verplaudert sich die Familie, bis es plötzlich weit nach acht ist. Überstürzter Aufbruch, die Sperrstunde bedrohlich nah, bei der ja 500 Euro drohen. Auf dem Hinweg alles korrekt, bis auf den viel zu flüchtigen Abschied. Aber für die Heimfahrt bleiben nur noch 15 Minuten. An der einen Kreuzung war die Ampel nicht mehr ganz und gar gelb beim Drüberfahren. Der Fahrer auf der Nebenspur macht es genauso, schaut entschuldigend rüber und zeigt panisch auf seine Uhr. Man darf hier nur 50 fahren, aber es sind längst alle schneller, als würden sie von einem Magneten Richtung Stadt gezogen. Und dann noch schneller. Um vier vor neun rauscht der Konvoi mit 75 Sachen über den Ring. Radar? Vielleicht, aber was ist das gegen 500 Euro. Die Straße ist voll wie im Feierabendverkehr, alle noch schnell heim.

Wie gesagt, Weihnachten, Ausnahme; schnelle Nacht, eilige Nacht. Allerdings schärft so was ja die Wahrnehmung. Und seither war da bei kurzen Abendgängen mit dem Hund und einem Spaziergang zum Ring, kurz vor neun, jedes Mal das Gefühl, als würden um einen herum Sondereinsatzkommandos ihre Nachtfahrten üben. Wenn es gerade überall so zugeht in den Minuten vor der Ausgangssperre, müssten die Radarfallen allabendlich heißlaufen. Von den Bußgeldeinnahmen könnte der Freistaat alle Coronaeinbußen sanieren. Die Pressestelle der Münchner Polizei schreibt aber auf Anfrage, nein, man habe "vor Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen ab 21.00 Uhr keine Feststellungen über ein erhöhtes Aufkommen von Verkehrsordnungswidrigkeiten". Ist das so eine Art verlängertes Weihnachtswunder? Oder können sogar Radarfallen in Pandemiezeiten ein automatisches Auge zudrücken?

© SZ vom 08.01.2021
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