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Münchner Momente:Der Traum vom Pflug

Statt Schwielen an den Händen zu bekommen vom mühsamen Schneeschaufeln, ginge es auch viel einfacher. Wenn die Familie mitspielen würde

Glosse von Stephan Handel

Im Sommer träumt der gartenbesitzende Mann vom Aufsitzrasenmäher: So ein kleiner Traktor, den er, lässig wie Forrest Gump, einhändig steuernd durch den Garten lenken würde. Den Einwand der Gattin, die Rasenfläche habe gerade mal die Ausmaße eines geräumigeren Wohnzimmers, wischt er beiseite - als habe das eine etwas mit dem anderen zu tun. Einen Aufsitzrasenmäher bekommt er trotzdem Jahr für Jahr wieder nicht.

Das Pendant zum sommerlichen Mähtraktor ist im Winter der Schneepflug. Während der Mann mit der lächerlichen Schneeschaufel Bürgersteig und Garagenzufahrt bearbeitet, verflucht er den Schneefall, die Straßensicherungsverordnung und die Söhne, die die Verkehrssicherungspflicht für ein ziemlich spießiges Konzept halten, vor allem vor sieben Uhr morgens. Er denkt an die coolen orangefarbenen Männer vom städtischen Winterdienst, an ihre wendigen kleinen Mobile, an die größeren Traktoren, an riesige Lastwagen, die den Mittleren Ring frei fegen, während hinten Streugut hinausrieselt. Vielleicht, denkt er, gäbe es einen Aufsitzrasenmäher, an den man winters einen Pflug montieren könnte, zwei Jahreszeiten mit einer Klappe sozusagen. Er könnte sich in der Nachbarschaft beliebt machen, wenn er die ganze Länge des Gehwegs räumen würden und die Garagenzufahrten gleich dazu; wenn die Leute morgens ihre Häuser verließen, würden sie sein Werk sehen und mit warmer Sympathie an den netten Nachbarn mit seinem kleinen Traktor denken.

Aber nein, er muss mit diesem demütigenden Blechdings hinaus ins Kalte, Schwielen an den Händen schon vor dem Frühstück. Er beschließt eine neue Taktik: Vielleicht könnte er ja die Söhne überzeugen, dass so ein Selbstfahrdings irgendwie chillig wäre, dann hätte er im Familienrat eine 3:1-Mehrheit. Entschlossen rammt er die Schaufel in die Wehe. Er würde den Söhnen natürlich erst hinterher sagen, dass niemand außer ihm das Teil fahren darf.

© SZ vom 12.01.2021
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