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Münchner Momente:Der Meister im Durchbeißen

20 Minuten kann der Bandit abtauchen - so entzieht er sich dem Bußgeldkatalog, wenn er mal wieder an anderer Leute Stege herumknabbert. Ein sensationeller Nachbar

Glosse von Tom Soyer

Ein nasskalter, nebliger Abend im Dezember. Frische Holzspäne liegen direkt am Mühlkanal, der aus dem Maria-Einsiedel-Bad an den Thalkirchner Kajakklubs vorbeifließt. Hat er sich wieder eine frische Brotzeit gegönnt, der Kerl! Ein heller Zweig, mehrere Meter lang und fünf Zentimeter dick, liegt auch schon komplett entrindet auf der Wiese. Es tauchen noch mehr abgenagte Äste und entrindete Flächen an größeren Bäumen auf. Oh je, Deutschlands größtes Nagetier, der bis zu 30 Kilogramm schwere Biber (Castor fiber), hat das Gelände des Deutschen Touring-Kajak-Clubs (DTKC) nahe der Tierparkbrücke als seine neue Nachtkantine entdeckt.

Dabei ist der neue, rein vegetarische Mitbewohner ein krasser Bandit. Die Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet "LSG-00120.09 Isarauen" ignoriert er genauso knallhart, wie er Holz raspelt. Den Paragrafen 3 etwa: "Die Beseitigung oder Beschädigung der im Schutzgebiet vorhandenen Hecken, Gehölze, Haage, Gebüsche, Baumgruppen und Alleen" ist untersagt. Illegal ist auch der riesige Holzverhau an der Halbinsel beim Club Münchener Kajakfahrer, wo er unter Wasser in seine Biberburg gelangt: "Die Anlage von Bauwerken aller Art, auch von solchen, die keiner bauaufsichtlichen Genehmigung bedürfen", ist im Landschaftsschutzgebiet bei Strafe verboten.

20 Minuten lang kann das Tier abtauchen - so entzieht es sich dem Bußgeldkatalog. Ein Meister im Durchbeißen.

Entlang des Mühlkanals haben die naturverbundenen Kanuten nun aber ein Problem. Die meisten sind dem Biber schon im Training begegnet, wenn er abends irgendwo am Ufer - ungeniert laut malmend und schmatzend - Gehölze umlegt und mampft. Ein tolles Erlebnis. Zugleich fürchten sie aber, dass er sich demnächst auch den schönen Kirschbaum holt. Mittelschön auch, dass er den Kajaksteg seitlich dauernd annagt.

Beim DTKC haben sie es jetzt mit sanftem Bibermanagement probiert. "Biberhose" heißt das Zauberwort, das weder was mit Biberbettwäsche noch mit sonstiger Mode zu tun hat. Sondern mit Maschendraht, den man unten um den Baumstamm windet. Das soll den akuten Appetit zügeln. Sie hoffen nun, dass Freund Castor die Botschaft versteht. Als gemütlicher, neugieriger und hochtalentierter Schwimmer und Taucher auf den Isar-Nebenkanälen darf er sich natürlich gerne weiterhin zeigen abends. Denn ein sensationeller Nachbar ist er ja schon.

© SZ vom 16.12.2020
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