bedeckt München

Münchner Momente:Das Home ist kein Heim

Am Küchentisch arbeiten? Was lange als bieder galt, ist - gerade in der Stadt - derzeit wieder Avantgarde

Kolumne von Stephan Handel

Manche Menschen sind empfindlicher mit den Wörtern als andere. So soll es Leute geben, die keine Bio-Eier mehr kaufen, weil ihnen da zu viel Vokale drin sind. Das ist natürlich übertrieben. Aber in anderen Angelegenheiten kann es schon sehr wichtig sein, auf die richtige Bezeichnung der Dinge zu achten - gerade der Münchner und die Münchnerin wissen ja, dass das Sein unbedingt auch vom richtigen Schein umgeben sein muss.

Neulich hat sich in irgendeiner Nachrichtensendung eine Reporterin versprochen. Sie sollte berichten von Wohl und Wehe des Trends, das Tagwerk nicht in einem vollgemenschten Büro zu vollbringen, sondern daheim am Küchentisch - der Grund dafür ist natürlich, aber das sagte die Reporterin nicht, dass Bill Gates mit seinen Chips-Implantaten nicht durcheinander kommt. Weil sie dann aber schon drei Mal "Home Office" gesagt und am Gymnasium immer besonders viele Fleiß-Punkte für "Wechsel des Ausdrucks" bekommen hatte, sagte sie nun "Heimarbeit".

Das geht natürlich nicht. Heimarbeit, das ist etwas aus den 1950-er Jahren, als Frauen des Abends Kugelschreiber zusammenbauten oder Zahnstocher in Schachteln sortierten, während im Fernseher der Blaue Bock lief. Nichts hat das zu tun mit dem heutigen, hochtechnisierten Home-Office, in dem sich eine Zoom-Konferenz mit dem nächsten Teams-Meeting jagt, wo vom Rolf-Benz-Sofa aus Millionen Euro bewegt werden oder ganze Projekte den Bach runtergehen: "Wenn wir uns da nicht bald committen, setz ich die ganze Sache auf Rot!"

Nein, das hat nichts mit biederer, schlecht bezahlter Heimarbeit zu tun, das ist digitales Nomadentum, wenn auch aus der Reihenhaus-Mansarde. Das ungleiche Duo wird übrigens durch einen dritten Begriff ergänzt, das ist die Hausarbeit und die schlimmste von allen - die ewige Wiederkehr des immer Gleichen, waschen, aufhängen, bügeln, waschen, aufhängen, bügeln bis zum Tod. Dann noch lieber Kugelschreiber zusammenbauen.

© SZ vom 12.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema