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Münchner Momente:Basteln für die Bescherung

Päckchen spielen an Weihnachten immer eine wichtige Rolle. So kniffelig wie in diesem Jahr war es mit den vielen Faltschachteln aber wohl noch nie

Glosse von Karl Forster

Es wird dies das Weihnachten der Päckchen. Vor allem für die Organisation all der Dinge, die unterm Christbaum liegen sollen, ist der Postweg die einzige Möglichkeit, Tränen der Enttäuschung zu vermeiden, es sei denn, man gehörte zu der Minderheit der weit vorausschauenden Menschen, die, den Lockdown ahnend, schon im nahezu Corona-freien Sommer die heiligabendtypischen Besorgungen erledigt haben. So aber sitzt man drei Tage vor Klingelingeling am Küchentisch, formt Geschenkehäufchen für die einzelnen Adressen, wohl wissend, dass die Kalifornier ihre Präsente auch diesmal wieder erst irgendwann im Januar bekommen werden.

Nun rächt es sich allerdings, dass man das Jahr über jegliche Art von Kartonage der Papiertonne überantwortet hat, was zwar ein gutes Umweltgewissen macht, sich aber jetzt als markantes Verpackungsdefizit erweist. Also ab zur Poststelle, eine Stunde angestanden, dann aber eine anständige Menge dieser DHL-gelb leuchtenden Packsets erworben, die durch kundige Hand zum Päckchen in Normgröße wachsen sollen.

Und da beginnt ein Weihnachtsstress der besonderen Art. Denn es finden sich auf diesem noch sehr flachen Päckchen Nummern, die wohl eine Reihenfolge bedeuten, und Befehle, die in dieser Reihenfolge möglicherweise auszuführen sind, Anweisungen von lähmender Ähnlichkeit und Dämlichkeit wie "Seitenteile nach innen klappen" oder "Seitenteile hier nach innen klappen und ineinander verschließen". Was schon Menschen mit ganz normalen Versagensängsten zur Verzweiflung treibt: Wo beginnt so ein Seitenteil, und wo endet es? Was passiert, wenn ein solches nach innen zu klappendes Seitenteil sich plötzlich löst und so seine Bindung zum großen Ganzen verliert? Und überhaupt: Wie wird aus dem gelben Flachrechteck ein Buch verschlingendes dreidimensionales Kleingeviert? Es kulminiert die Situation in der zentralen Frage: Bin ich denn zu allem zu blöd?

Nun denn, letztendlich lautet die Antwort auf diese Frage: nicht ganz. Irgendwann wächst das gelbe Getüm zu päckchenähnlicher Form, auch wenn hie und da ein eigentlich nach innen zu klappendes Seitenteil fehlt, was durch massiven Einsatz von Tesafilm kaschiert wird. Dass das für die Platzierung unterm fernen Christbaum geplante Buch nicht mehr hineinpasst, ist jetzt auch schon egal. Hauptsache, aus vier Ecken wurden deren acht. Das neu entstandene Vakuum wird mit Plätzchen gefüllt. Und ab geht die Post. Oh du fröhliche ...

© SZ vom 22.12.2020
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