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Münchner Momente:Ballast zu verschenken

Die Zeit der coronabedingten Einkehr haben viele Münchner für den Kehraus genutzt. In Kisten am Straßenrand findet sich das, was nicht mehr gebraucht wird

Kolumne von Julian Hans

Nach einer Krise zieht der Mensch Bilanz: Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Was möchte ich zurücklassen in der alten Zeit vor der Zäsur? Was gestern noch Lust bereitet hat, wirkt heute fad. Der Luxus von gestern ist plötzlich Ballast.

Dass die Bewohner der Weltstadt mit Herz die Krise nicht nur zwangsläufig zur inneren Einkehr genutzt haben, sondern auch zum Kehraus, das belegen eindrucksvoll die vielen, vielen Kartons auf den Gehsteigen mit der einladenden Beschriftung "zu verschenken": Corona-Inventur. Natürlich ahnt der erfahrene Passant, was die wahre Motivation hinter dieser vordergründigen Großzügigkeit ist: Hier möchte jemand Ballast abwerfen in der Hoffnung, ein anderer möge ihn ein Stücklein mit sich herumtragen. Das entlastet das Gewissen, wenn man sich einer einst geschätzten Sache entledigt.

DVDs etwa. Wer in drei Monaten Quarantäne nicht die Einschweißfolie zu "Kokowääh 2" aufgerissen hat, der wird es in seinem ganzen Leben danach wohl auch nicht mehr tun. Also lieber gleich weg damit! Das gleiche gilt für Computerzeitschriften mit Virenscannern für Betriebssysteme, die es gar nicht mehr gibt. Schwer haben es auch CD-Regale: Möbelstücke, die eigens für ein Medium entworfen wurden, dass drei Jahrzehnte später schon wieder tot war, die sich aber aufgrund ihrer Form nur ganz schlecht für andere Zwecke umwidmen lassen.

Nichts wird mehr so sein wie früher, sinnierten sogenannte Zukunftsforscher und gewerbliche Alltagsphilosophen in zahlreichen "Denkstücken" zu Anfang der Pandemie. Aber sind nicht vielmehr die Dinge die geblieben, die sie waren? Nur wir selbst haben uns verändert und schauen mit anderen Augen auf die Welt. Auf die alten Ausgaben des Reisemagazins Merian zum Beispiel, die da in einer Kiste liegen "zum Verschenken": Florida? Chicago? Weiter weg denn je. Schweden? Gerade auch nicht so attraktiv.

Und dann steht da plötzlich ein ganzer Karton mit Kochbüchern des zum Verschwörungskasper mutierten Veganergurus Attila Hildmann. Manchmal sind es eben auch die andern, die sich in der Krise so verändert haben, dass wir lieber Abstand nehmen.

© SZ vom 03.07.2020

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