Süddeutsche Zeitung

Münchner Momente:Als der Englische Garten verschwand

Eine unscheinbare Petition forderte am Tage des Brexit, dass der Englische Garten umbenannt werde in Europäischer Garten. Mit ungeahnten Folgen

Kolumne von Stefan Simon

Eines Tages werden sie fragen, wer dieses 375 Hektar große Maisfeld angepflanzt hat. Und warum mitten in München. Mögliche Erklärungen werden sich in den Jahresschriften für 2020 zur Genüge finden: Klimawandel, der die Stadt zur Einrichtung eines landwirtschaftlichen Versuchsguts zwang; eine Idee aus dem Wahlkampf, in München eine halbe Million neuer Bäume zu pflanzen, die am Ende zu einer halben Million Getreidehalme führte; oder immer weiter steigende Mieten, die den Menschen irgendwann nicht mehr genug Geld zum Kauf von Lebensmitteln ließen, sodass der Ackerbau zu neuer Blüte kam. Alles falsch.

Historiker, die tiefer forschen, werden indes im Internet auf eine unscheinbare Petition stoßen: zur "Umbenennung des Englischen Gartens in München in Europäischer Garten". Der Monat Februar war noch jung, die Münchner stutzten, und die Touristenführer fragten sich, wie sie das den Besuchergruppen aus aller Welt erklären sollten, die ja mit gewissen Erwartungen kommen. Wie, kein Englischer Garten? Und die Nackerten? Die Begründung der Petition jedoch war unmissverständlich: Es sei "unzumutbar, dass der größte Park in München mit dem - unserer Ansicht nach - europafeindlichen Verhalten Großbritanniens assoziiert wird". Die Petition startete am Tag, als das große Britannien aus der noch größeren Europäischen Union austrat. "Brexit" hieß das damals, und es führte dazu, dass die Geschichte der Gartenkunst neu geschrieben wurde.

Wie sich zeigte, war das mit dem Europäischen Garten gar nicht so leicht umzusetzen. Waren antike Gärten gemeint wie in Rom oder Griechenland? Ein christlicher Hortus conclusus, eine maurisch geprägte Anlage wie im spanischen Mittelalter, ein prachtvoller französischer Lustgartenoder eher ein Schachbrett nach niederländischem Vorbild? Auf die erste Petition sollten noch viele weitere folgen, und um ein Haar hätte der Stadtrat nach einer mehrwöchigen Fachexkursion nach Brasilien eine Brandrodung beschlossen. In einem Moratorium wurde dann zunächst das Rasenmähen verboten, damit im Englischen Garten schon mal kein Englischer kurzer Rasen mehr wachse. Viele Irrwege wurden beschritten, und als kaum noch einer an einen Ausweg glaubte, wurde genau das der Plan: das größte Maislabyrinth der Welt. Warum der Stadt von einem Tag auf den anderen das Geld für dessen Pflege ausging, ist eine andere Geschichte.

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Quelle:
SZ vom 05.02.2020
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