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Münchner Momente:Acht Tage von vierundvierzig

Die Befürchtung, Schülerinnen und Schüler könnten nach all dem Home-Schooling nicht mehr zwischen Schule und Ferien unterscheiden, hat sich in der ersten Ferienwoche auf segensreiche Weise bestätigt

Kolumne von Julian Hans

"Nicht von der Schule lernen wir, sondern vom Leben", so oder so ähnlich lautet ein Seneca-Zitat, das sich wie alle beliebten Aphorismen dadurch auszeichnet, dass jeder es für seine Zwecke so verdrehen darf, bis es zum Anlass passt. So auch hier. Haben nicht die vergangenen Monate gezeigt, wie viel die Kinder lernen, wenn sie nicht zur Schule gehen? Immerhin muss in Bayern erstmals kein Kind die Klasse wiederholen. Dass das Sitzenbleiben in diesem Jahr ausgesetzt wurde, zeigt, dass selbst das Kultusministerium unter den besonderen Bedingungen dazugelernt hat.

Derweil haben Schülerinnen und Schüler aus der Anschauung der eigenen Eltern verstanden, was sie an ihren Lehrern haben. Die Befürchtung, sie könnten nicht mehr zwischen Schule und Ferien unterscheiden, hat sich in der ersten Ferienwoche auf segensreiche Weise bestätigt. Der Sechstklässler hat selbständig Lateinvokabeln wiederholt, der Zehntklässler übt ohne Aufforderung Französisch. Gut, das mag auch mit den noch frischen Eindrücken von der Zensurenvergabe zu tun haben, aber immerhin: die Buße erfolgt aus Eigeninitiative und selbst organisiert. Jedenfalls an Tagen mit schlechtem Wetter.

Die Sommerferien bieten auch immer Anlass für angewandte Mathematik. Zwar schon länger nicht mehr wegen der Wechselkurse und in diesem Jahr erst recht nicht, dafür aber bei der Berechnung der verbleibenden Freiheit. "Manno", sagt der Sechstklässler nach der ersten Woche: "Jetzt sind schon acht Tage rum von vierundvierzig. Das sind zwei Elftel der Ferien!" Und gemeinsam mit dem Zehntklässler wird überlegt, wie sich die steigenden Ansteckungszahlen in ein stochastisches Modell einbauen ließen, um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass nach den Ferien tatsächlich wieder normaler Unterricht stattfindet. So wird Faulheit paradoxerweise zu einem entscheidenden Treibstoff für Fleiß. Und da die menschliche Faulheit neben Sonne und Wind die einzige unerschöpfliche Ressource auf dieser Erde ist, muss einem zumindest in dieser Hinsicht um künftige Generationen nicht bange sein.

© SZ vom 05.08.2020

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