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Münchner Milliardenspiel:"Das bekommt jedes zweite Dorf in Deutschland hin"

Kleiderladen in der Münchner Fußgängerzone, 2014

Shopping in der Münchner Fußgängerzone: Für manch einen Händler könnte das öfter an verkaufsoffenen Sonntage möglich sein.

(Foto: Catherina Hess)

Münchner Geschäftsleute wollen eine attraktivere Innenstadt, um der Online-Konkurrenz zu trotzen - zum Beispiel mit mehr verkaufsoffenen Sonntagen. Die Stadt soll dabei helfen. Eine Idee von OB Dieter Reiter dürfte aber nicht auf Zuspruch stoßen.

Zu hohe Mieten, zu große Konkurrenz durch Online-Shops, zu wenig echtes Leben in der Fußgängerzone: Münchens Geschäftsleute sorgen sich um die Entwicklung der Münchner Innenstadt. Damit die Altstadt nicht zur bloßen Shopping-Mall verkommt, fordern sie mehr Unterstützung durch die Stadt. Doch eine Idee von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) dürfte trotzdem nicht nur auf Zustimmung stoßen: eine deutliche Ausweitung der Fußgängerzone.

Für die Verlängerung zwischen Hackenstraße und Sendlinger-Tor-Platz hatte sich Reiter schon früher ausgesprochen. Nun könnte die Stadt noch weiter gehen: "Man könnte darüber nachdenken, ob man die Fußgängerzone nicht bis zum Isartor verlängert", sagte Reiter der Süddeutschen Zeitung. "Im Tal haben wir jetzt zwar die Gehsteige verbreitert, aber ob da auf Dauer immer Autos fahren müssen, ist eine Frage."

Geschäfte müssen auch mit dem Auto erreichbar sein

Die Geschäftsleute in der Innenstadt müssen freilich schon jetzt mit schwierigen Bedingungen auskommen, etwa für den Lieferverkehr. "Wir Händler müssen schon erreichbar sein", sagt Sport-Schuster-Geschäftsführer Rainer Angstl. Wenn ein Kunde Ski kaufe, müsse er die Möglichkeit haben, diese mit dem Auto zu transportieren. Auch Ludwig-Beck-Vorstand Christian Greiner fordert von der Stadt, dass die Geschäfte erreichbar bleiben müssen - auch mit Autos.

Doch statt mehr dürfte es künftig in der Altstadt eher weniger Platz für Autos geben. Parkplätze zugunsten von mehr Lebensqualität und neu geschaffenen Ruhezonen zu streichen, hat nämlich zuletzt auch Stadtbaurätin Elisabeth Merk vorgeschlagen. Wenn es nach ihr geht, soll die Stadt belebter sein, zum Beispiel, indem man sitzen darf, ohne etwas konsumieren zu müssen. Dies sieht auch OB Reiter so: Er möchte die bisherige Fußgängerzone "ein bisschen entstauben" und mehr Aufenthaltsqualität schaffen.

Münchner Milliardenspiel

So teuer ist die Innenstadt

Eine autofreie Innenstadt, ein paar Blumenkübel und Bänke - führt das zu mehr Leben in der Innenstadt? Marcel Meili, Architekt der Einkaufspassage Hofstatt, ist da äußerst skeptisch. "Ich halte das Konzept einer autofreien Innenstadt für unergiebig", sagt er im SZ-Interview. "Wenn Sie einen Straßenzug töten wollen, dann müssen Sie ihn für Autos sperren. Wenn sich Autos langsam durch die Innenstadt bewegen, sind sie Teil einer urbanen Vitalität." Auch die belebende Wirkung von kulturellen Einrichtungen, von Theatern etwa, hält der Schweizer Architekt für überschätzt.

Doch ob eine Belebung der Innenstadt angesichts der dramatischen Kaufpreisentwicklung der vergangenen Jahre und dem Bieterrennen der Investoren noch möglich ist, bezweifelt er: "Der Traum, den die Leute von der Innenstadt haben, ist, dass die Mittelklasse der Gesellschaft hier im großen Stil wieder wohnen und leben kann. Dieser Traum ist wahrscheinlich ausgeträumt", glaubt Meili.

Geschäftsleute wollen mehr verkaufsoffene Sonntage

Die Geschäftsleute der Innenstadt sehen das optimistischer. Sie fordern mehr Beweglichkeit in den Köpfen der Stadtoberen. Touristen sollten deshalb noch stärker angesprochen werden, um den Handel zu fördern, ist immer wieder zu hören. "Es ist Aufgabe der Stadt, den Besuch der City attraktiv zu gestalten", sagt Beck-Vorstand Greiner. Das könnten mehr kulturell anspruchsvolle öffentliche Veranstaltungen sein - und verkaufsoffene Sonntage. Diese gibt es, anders als in anderen Großstädten, in München nicht.

Münchner Altstadt

Klein und fein

Auch an Sonntagen sei die Innenstadt voll, sagt Greiner. Und doch bleibe diese Kaufkraft bisher völlig ungenutzt. "Das bekommt jedes zweite Dorf in Deutschland hin, nur wir hier in München haben das anscheinend nicht nötig", schimpft Greiner.

Doch es gibt auch Gegenstimmen: "Wehret den Anfängen", sagt Schuster-Geschäftsführer Angstl. Obwohl der Sonntag der stärkste Tag des Online-Handels sei, würde er nicht mitmachen wollen. Schon deshalb, weil es nicht genügend Fachkräfte gebe, die kompetent ein Kletterseil oder einen Helm verkaufen könnten. In der Vergangenheit gab es in München nur einen verkaufsoffenen Sonntag - zur Fußball-WM 2006.