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Münchner Mieter:"Völlig fertig mit den Nerven"

Die einen drängeln sich mit 70 anderen Bewerbern auf Wohnungsbesichtigungen, die anderen werfen Hilferufe in den Opferstock ihrer Gemeinde. Mieter berichten, wie es ihnen auf dem Münchner Wohnungsmarkt ergangen ist.

Aus der SZ-Redaktion

"Alles, woran ich hänge, steckt in dieser Wohnung"

Michael Conti-Czischka, Schauspieler, Richard-Strauss-Straße 19 (Parterre), Bogenhausen

Verzweifelt: Michael Conti-Czischka muss Ende Juni aus seiner geliebten Wohnung ausziehen. Eine neue Bleibe hat er noch nicht gefunden.

(Foto: Florian Peljak)

Michael Conti-Czischka ist viel herumgekommen in seinem Leben. Der Mann war früher Schauspieler, hatte Engagements am Deutschen Theater, am Theater am Platzl und am Volkstheater. Auch in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen spielte er mit, unter anderem im "Arzt von St. Pauli" an der Seite von Curd Jürgens und Fritz Wepper und in der Serie "Der Alte". Sein Refugium aber blieb immer seine Drei-Zimmer-Wohnung an der Richard-Strauss-Straße. Seit 57 Jahren lebt der 72-Jährige nun schon hier - jetzt muss er raus. Hier erzählt er seine Geschichte:

"Ich bin völlig fertig mit den Nerven. Jahrzehntelang wohnte ich direkt am Mittleren Ring, dann wurde unter viel Lärm und Schmutzbelastung der Tunnel gebaut. Kaum war er fertig und die Gegend endlich ruhig und grün, verkaufte die damalige Eigentümerin meine Wohnung. Der neue Vermieter, ein Handwerksmeister, dessen Vater eine große Sanitärfirma besitzt, kündigte mir kurz darauf wegen Eigenbedarfs. Angeblich lebt er mit knapp 30 Jahren noch im Kinderzimmer seines Elternhauses. Seinem Vater gehören in derselben Anlage weitere Wohnungen, bis zuletzt hatte ich gehofft, er würde in eines dieser Appartements ziehen. Aber genau meine Wohnung musste es sein. Ich habe mich gewehrt, habe ihn gefragt, ob ich drin bleiben kann, wenn ich mehr Miete bezahle. Er sagte: Nein. Es kam zur Räumungsklage, mein Vermieter bekam Recht. Jetzt muss ich bis zum 30. Juni ausgezogen sein.

Aber wohin? Ich habe zwar mein ganzes Leben lang gearbeitet und Sozialversicherungsbeiträge einbezahlt, beziehe aber nur eine kleine Rente. Für die Miete bekomme ich deshalb den Höchstsatz bezuschusst. Alles, woran ich hänge, steckt in dieser Wohnung. Ich habe bei den großen Wohnungsgesellschaften nachgefragt, ob sie mir vielleicht etwas anbieten können. Die Dame bei der Gewofag, mit der ich telefonierte, sagte mir, ich müsse in München froh sein, überhaupt eine Ein-Zimmer-Wohnung zu bekommen.

Wenn ich aber, wie vom Sozialamt gefordert, in ein Ein-Zimmer-Appartement mit gut zwanzig Quadratmetern umziehe, muss ich all meine Raritäten abgeben. Antiquitäten, Ölgemälde, Bücher, Schallplatten. Ich habe Tempelschnitzereien aus China, ein Skarabäus-Amulett aus Ägypten. Einen Aztekenstein aus Mexiko und Vasen, wie man sie sonst nur noch in Schlössern findet. Das kann man doch alles gar nicht mehr kaufen. Etwas mehr als 600 Euro warm kostet meine 76-Quadratmeter-Wohnung derzeit an Miete. Bis jetzt habe ich keine andere Bleibe gefunden. Ich würde überall innerhalb Münchens hinziehen, solange die Wohnung nur etwas größer ist und einen Balkon hat.

In meiner Verzweiflung habe ich sogar schon eine Karte in den Opferstock der Sankt-Michaels-Kirche in der Fußgängerzone an der Neuhauser Straße geworfen. Kurz darauf meldete sich ein Pater bei mir, bot seine Hilfe an. Die Kirche bemüht sich jetzt, genauso wie der Mieterverein, der mich seit Jahren unterstützt. Sie möchten nicht, dass ich im Wohnheim lande."

Protokoll von Ellen Draxel

"Wir haben Wohnungen mit 70 anderen Bewerbern besichtigt"

Glücklich im eigenen Garten vor der Stadt: Familie Hemmelmann.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Schon als Sally Hemmelmann und ihr Mann Jan am Haidhauser Johannisplatz ihre 84-Quadratmeter-Wohnung bezogen, war klar, dass dies nicht für die Ewigkeit halten würde. Sally Hemmelmann erklärt, warum sie inzwischen mit Sack und Pack nach Baldham gezogen ist.

"Wir wohnten acht Jahre lang in einer schönen Altbauwohnung am Johannisplatz in Haidhausen, direkt gegenüber der Johanniskirche. Zunächst nur mein Mann Jan und ich, später kamen unser heute sechsjähriger Sohn Linus dazu, schließlich noch unsere Tochter Ilvie, die jetzt 14 Monate alt ist. Sie ist ein Wunschkind, aber es war von Anfang an klar, dass unsere 84-Quadratmeter-Wohnung auf Dauer nicht für uns Vier ausreichen würde. Zwischen unseren Kindern liegen fünf Jahre, und wir sagten uns, wenn Linus in die Schule kommt, dann müssen wir umgezogen sein, damit er ein eigenes Zimmer hat und Ruhe für seine Hausaufgaben.

Veranstaltungshinweis:
SZ-Forum

Das Thema Gentrifizierung bewegt die Münchner wie kaum ein anderes. Am 24. Juni 2015 lädt die Süddeutsche Zeitung zu einem SZ-Forum unter dem Titel "Unbezahlbar schön. Und wo bleiben die Münchner?" ein. Bei der Podiumsdiskussion soll es um explodierende Mieten, die Macht der Investoren und die Rolle der Politik gehen - um Ängste der Münchner, aber auch um Ideen, die Mut machen.

Wer diskutiert? Matthias Lilienthal, designierter Intendant der Münchner Kammerspiele; Elisabeth Merk, Stadtbaurätin; Josef Schmid (CSU), Bürgermeister Stadt München; Jürgen Schorn, Gesellschafter Bauwerk Capital; Christian Stupka, Vorstand Wogeno und Gima; Moderation: Tom Soyer und Thomas Kronewiter, Süddeutsche Zeitung

Wann und wo? 24. Juni 2015, 19 Uhr im Freiheiz, Rainer-Werner-Fassbinder-Platz 1, München. Der Eintritt ist frei.

Wir wollten aber gerne in der Stadt bleiben, am liebsten auch in Haidhausen, weil wir diesen Stadtteil immer sehr geliebt haben. Linus hatte ganz in der Nähe einen Platz in einer tollen Elterninitiative, mit vielen befreundeten Kindern, dort bringe ich ihn auch jetzt noch jeden Morgen hin, in seinem letzten Kindergartenjahr, obwohl wir inzwischen nach Baldham gezogen sind. Wir hatten auch einen sehr freundlichen und sozial denkenden Vermieter, der alle Wohnungen im Haus bevorzugt an Familien vergeben hat; wir haben unsere Wohnung damals auch nur bekommen, weil wir sagten, wir wollen in Zukunft gerne Kinder haben. Natürlich wären wir am liebsten in dieser netten Hausgemeinschaft geblieben, aber die größeren Wohnungen, die es im Haus gibt, sind bereits an Familien mit ein oder zwei Kindern vermietet.

Also haben wir uns auf die Suche gemacht und dachten zunächst, das könne nicht so schwer sein. Mein Mann ist als Maschinenbau-Ingenieur fest angestellt, ich bin Pflegepädagogin, zur Zeit aber nicht berufstätig. Wir wollten eine Wohnung von 100 Quadratmetern an aufwärts und haben uns eine Mietpreisobergrenze von 2000 Euro gesetzt. Aber wir haben ein Jahr lang vergeblich gesucht.

Das fing schon damit an, dass alle Wohnungsinserate in dieser Größenordnung für ein Paar oder für ein Paar mit höchstens einem Kind ausgeschrieben waren. Wenn wir uns mit unseren zwei Kindern dort gemeldet haben, hat uns überhaupt niemand zurückgerufen, weder ein Makler noch ein Vermieter. Die einzigen Anrufe, die wir bekamen, waren von Bekannten, die wissen wollten, wann unsere Wohnung frei würde und ob sie sie anschauen könnten. In der ganzen Zeit haben wir schließlich nur zwei Wohnungen besichtigen dürfen - die aber gleich mit 70 anderen Bewerbern zusammen.

Es gab auch Wohnungsangebote, die so teuer waren, dass wir uns sagten, nein, das hat keinen Sinn, für das Geld können wir uns auch ein Haus im Umland von München mieten. Also haben wir parallel angefangen, dort zu suchen. Jetzt wohnen wir seit fünf Monaten in einer Doppelhaushälfte mit Garten in Baldham, auf 200 Quadratmetern, und natürlich hat das auch viele Vorteile: Man kann die Kinder einfach mal rauslassen, in den Garten oder zum Fahrradfahren in den Hof. Ich muss Ilvie oder die Einkäufe nicht drei Stockwerke hoch tragen wie früher. Die Grundschule, in die Linus von September an gehen wird, ist nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. In der Nähe ist auch eine S-Bahn-Station, in 20 Minuten bin ich in München. Natürlich ist das mit den Verabredungen schwerer geworden, die Kontakte verlagern sich mehr auf das Wochenende, dann nehme ich einen Freund von Linus mit hinaus nach Baldham.

Aber kaufen wollten wir hier draußen nichts. Weil wir uns gesagt haben, wenn die Kinder groß sind, ziehen wir zurück in die Stadt. Ich kenne inzwischen vier oder fünf Familien aus Haidhausen, denen es genauso ergangen ist wie uns. Die auch lange vergeblich gesucht haben und nun weggezogen sind aus der Stadt."

Protokoll von Barbara Hordych

"Wir wollen nicht als Opfer angesehen werden"

Schwabing Gentrifizierung

Eine streitbare Gemeinschaft: Marie Banck (oben auf der Treppe, links) und ihre Nachbarn hoffen immer noch, im Haus Wagnerstraße 1 zu bleiben.

(Foto: Lukas Barth)

Mit den Kündigungen ist Ende 2015 zu rechnen: Das erfuhren Marie Banck, 30, und die übrigen Mieter des Gebäudes an der Wagnerstraße 1 aus einem Schreiben eines Eigentümeranwaltes im vergangenen Jahr. Denn ihr Wohnhaus soll abgerissen werden. Das vor mehr als 100 Jahren erbaute Gebäude hinter der Münchner Freiheit befindet sich zwar im tiefroten, teuren Bereich des Mietspiegels, gehört aber zum originalen Schwabinger Straßenbild und bietet noch bezahlbare Mieten und im Erdgeschoss die Kult-Kneipe "Podium". All das soll für einen Neubau mit Mietwohnungen und Garage verschwinden. Die Bewohner und die Kneipenbetreiber waren sehr überrascht davon, dass ein Investor das Gebäude gekauft hat und wohl Pläne schmiedet, in denen sie nicht mehr vorkommen. Marie Banck erzählt im Namen der ganzen Mietergemeinschaft, wie sie seit den unangenehmen Nachrichten aktiv geworden sind.

"Seitdem wir um unsere Wohnungen kämpfen, haben wir erst bemerkt, wie sehr wir im Viertel angekommen sind. Wir wussten, dass die Gentrifizierung so rapide um sich greift, waren aber froh, in einer eigenen Nische zu wohnen, mit noch erschwinglichen Mieten. Wir haben im Juli vergangenen Jahres erfahren, dass der Eigentümer gewechselt hat. Anfangs hatte uns die Hausverwaltung andeutungsweise angesprochen: Was wir denn hier noch wollten, so wolle man doch nicht leben. Dann erfuhren wir vom geplanten Abriss. Ob wir danach wieder hier leben wollen, wurde gar nicht erst gefragt. Aber wir wollen hier weiter gerne bleiben.

Das hat uns alle schon sehr getroffen, weil wir uns hier sehr wohl fühlen. Uns gefällt das Haus an sich, das Flair, das angenehme Miteinander, das gute Verhältnis zum "Podium". Hier wohnen viele Studenten, Künstler, auch eine kolumbianische Familie, das ist ein Querschnitt der Gesellschaft, keine Besserverdiener. Für die Studenten ist es vielleicht noch verkraftbar, eine neue Wohnung zu suchen, aber für andere wird es schwieriger. Jimi etwa, ein amerikanischer Sänger, wohnt seit 30 Jahren hier. Man kennt die Realität, es ist sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Wenn man sich im Internet umguckt, findet man WG-Zimmer für 500 Euro.

Wir haben aus dem Viertel viel Zuspruch und Unterstützung bekommen; erst kürzlich beim Hofflohmarkt kamen viele Nachbarn und wollten wissen, wie sich die Sache entwickelt. Schwabing ist nicht durch und durch angepasst oder luxussaniert. Aber es entstehen so viele Nicht-Orte, die eine Beliebigkeit ausstrahlen. Es ist klar, dass es einen Wandel gibt, man kann ein Viertel nicht einfrieren. Nur entstehen so viele unästhetische Gebilde, bei denen dem Kapital freie Hand gegeben wird. Man könnte doch zumindest in einem der Umgebung ähnlichen Stil bauen.

Es verschwinden viele Geschäfte, früher gab es hier das Hip-Hop-Geschäft "Mighty Weeny", jetzt Waxing-Studios und Smoothies-Läden. Man kann sich dem Wandel nicht verschließen, aber man sollte nicht nur die Elite bedienen und originale Institutionen hier lassen, zum Beispiel eben das "Podium". Die "Schwabinger 7" ist ein gutes Beispiel: Man kann eine Institution nicht umsiedeln. Eigentlich ist der Begriff "Gentrifizierung" ein Euphemismus: Das ist eine richtige Zerstörung gewachsener Strukturen.

Wir wollen auch nicht als Opfer angesehen werden, sondern verstehen uns als Teil eines lebendigen Schwabing. Wir sind sehr stolz, dass wir den Diskurs angestoßen haben darüber, ob unser Gebäude wirklich abgerissen werden muss, und wie wir in Zukunft leben wollen. Wir wollen nicht trauern, sondern sehen das Potenzial, aktiv zu werden. Im Haus ist eine große Gemeinschaft entstanden, wir sammeln Unterschriften für den Erhalt des Gebäudes, da haben wir momentan 3600 zusammen. Wir haben in einer Nacht eine "Guerilla Lightning"-Aktion gemacht und das Gebäude von außen mit Farben beleuchtet. Wir haben einen Kunst- und Kulturabend veranstaltet und das Amt für Denkmalschutz eingeschaltet. Das Amt hat den Denkmalcharakter aber ausgeschlossen; wir haben im Stadtarchiv nun aber einen Abdruck von 1870 gefunden, auf dem ein verblüffend ähnliches Gebäude an der gleichen Adresse zu finden ist. Vielleicht gibt es einen neuen Anlauf.

Wir hoffen, dass wir hier bleiben können, auch wenn das vielleicht verrückt klingt. Wir wollen auch noch einmal versuchen, mit dem neuen Eigentümer ein Gespräch zu führen."

Protokoll von Marie Banck

"Es kam eine Mahnung nach der anderen"

Mit elf Mitbewohnern teilt sich Tunay Önder jetzt im Westend ein Haus. "Ich habe es gut getroffen", sagt sie.

(Foto: Catherina Hess)

Tunay Önders Mietvertrag in der Ludwigsvorstadt lief aus. Die 34-jährige Soziologin und Mitbegründerin des mehrfach für den Grimme-Online-Preis nominierten Blogs "Das Migrantenstadl" ist nach sechs Monaten intensiver Suche mit viel Glück im Haus eines selbst organisierten Wohnprojekte-Verbunds im Westend untergekommen. Ihre Entwurzelung hat sie als durchaus bedrückend empfunden, zugleich hat sie auch viel Hilfsbereitschaft erlebt:

"Ich habe es gut getroffen. Ich wohne jetzt in einer Art Kommune an der Ligsalzstraße, die ein Teil des Mietshäuser-Syndikats und deshalb bezahlbar ist. Es ist echt schön hier: Wir haben unten einen Veranstaltungsraum, in dem sich öfter mal Gruppen und ein Chor treffen. Meine elf Mitbewohner und ich teilen uns drei Wohnungen mit jeweils einer Küche. Es gibt auch noch eine kleine Dachterrasse, ein Wohnzimmer, in dem ab und zu Flüchtlinge übernachten, und sogar ein Gewächshaus. Als ich hierher kam, lag eine regelrechte Odyssee hinter mir. Ich hatte früher in einer kleinen WG an der Schwanthalerstraße gewohnt. 2013 wurde auf einmal der Mietvertrag nicht mehr verlängert, obwohl er vorher jedes Jahr neu ausgestellt worden war. Anscheinend wollte der Vermieter das Haus abreißen lassen und Luxuswohnungen bauen, die sich keiner von den alten Mietern hätte leisten können. Ich war total verzweifelt, weil ich nicht viel Geld habe, und dachte: Auweia, wie wird das bloß?

Selbst WGs sind ja nicht so leicht zu finden in München. Der Vermieter hat auch allen anderen Parteien in dem Haus gekündigt, wegen wirtschaftlicher Verwertung, und war kein bisschen kulant. Weil ich nicht gleich eine neue Wohnung gefunden habe, bin ich erst mal dort wohnen geblieben. Dann kam natürlich eine Mahnung nach der anderen, aber was sollte ich machen? Irgendwann bekam ich Angst und bin doch ausgezogen, zunächst zu Freunden. Das war eine bedrückende Zeit.

Ich bin in gewisser Weise privilegiert, weil ich sehr aktiv und kommunikativ bin. Über tausend Ecken hörte ich von dem Wohnprojekt hier, Ligsalz 8, und schrieb die Leute einfach mal an. Nach einer ganzen Weile konnte ich für zwei Monate zur Zwischenmiete einziehen und fühlte mich sofort wohl. Dann musste ich wieder raus. Die nächsten Wochen überbrückte ich bei Freunden und meiner Familie. Ich habe versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und mir gesagt, dann nutze ich eben die Zeit und mache anderthalb Monate Urlaub bei meinen Verwandten in der Türkei.

Das ging natürlich nur, weil ich selbständig bin. Ich arbeite als Sozialwissenschaftlerin, Bloggerin und engagiere mich in Theaterprojekten. Deshalb kenne ich viele Leute, was wahrscheinlich ein Grund dafür war, dass ich immer ein Dach über dem Kopf gefunden habe. Vergangenen Oktober konnte ich dann wieder hier einziehen, weil ein Zimmer dauerhaft frei wurde. Also ein halbes Jahr, nachdem ich aus meiner letzten WG raus gemusst hatte.

Jetzt bin ich sehr zufrieden mit meiner Wohnsituation, aber ich hatte viel Glück. Außerdem hat mir geholfen, dass ich gut vernetzt bin. Was machen denn diejenigen, die nicht so viele Leute kennen oder zum Beispiel nicht perfekt Deutsch sprechen? Ich erlebe das gerade bei meinen Eltern in Milbertshofen. Da kam neulich eine Mieterhöhung, völlig unbegründet, die wir sofort zurückgewiesen haben - mit Erfolg. Aber so viele Leute, die dort wohnen, kennen ihre Rechte nicht und haben einfach Angst. Die griechische Nachbarin meiner Eltern hat die Mieterhöhung einfach akzeptiert."

Protokoll von Friederike Hunke

"Wir wollten mitkämpfen"

Phillip Kosterhon, ein junger Pasinger, der mit seinem Projekt Velo-Cafe entmietet wurde. Vor dem ehemaligen Cafe

"Das Velo-Café war eine tolle Erfahrung. Wir schauen nun, was kommt", sagt Schreiner Phillip Kosterhon.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nur wenige Monate war es geöffnet, das Velo-Café, die Rad- und Kulturwerkstatt im Pförtnerhäuschen der ehemaligen Kuvertfabrik in Pasing (Kupa). Dann traf das Betreiber-Team um den Schreiner Phillip Kosterhon, 27, das gleiche Schicksal wie die Künstlergemeinschaft in der Kupa: die Räumung. Der denkmalgeschützte Industriebau samt seiner Nebengebäude und dem Areal an der Landsberger Straße 444 gehören einem Investor, und der hat andere Pläne als die Künstler und die jungen Velo-Leute. In Immobilienkreisen ist die Rede davon, dass auf dem 20 000 Quadratmeter großen Grund spätestens 2016 hauptsächlich Wohnungen errichtet werden sollen.

Phillip Kosterhon: "Dass es mit der Kuvertfabrik wohl zu Ende gehen wird, haben wir gleich am Anfang von den Künstlern erfahren, als wir mit dem Velo-Café im vergangenen September starteten. Aber wir wollten eben mitkämpfen. Das Café basierte auf einem Konzept von Martin Siegler, dem damaligen Hauptmieter der Kupa. Man konnte dort gegen eine Spende sein Fahrrad reparieren und Kaffee trinken. Zudem gab es Konzerte, Workshops und Lesungen. Das Velo war eben ein bunter Hund. Binnen kurzer Zeit kam das sehr gut an, auch in der Nachbarschaft. Ich selbst wohne auch nur ein paar Häuser weiter von der Kupa. Wir haben sehr darauf geachtet, dass wir nicht störten, nachts nicht zu laut waren.

Gerade für junge Leute gibt es nicht viele solcher Freiräume im Münchner Westen. Obwohl wir wussten, dass die Zeit, die uns bleibt, begrenzt ist, haben wir im Außenbereich eine Veranda angebaut, auf der man sich bei schlechtem Wetter aufhalten konnte. Nach zwei Monaten Betrieb hieß es dann aber schon wieder Rückbau. Mehr noch als für uns im Pförtnerhaus war die Räumung für die Künstler in der Kupa ein Riesenstress, 20 Lkw-Ladungen mussten abtransportiert werden. Wir haben, so gut wir es eben konnten, versucht, den Künstlern unter die Arme zu greifen. Am Ende war alles sehr schade, es hätte einen Ausweg geben können. Die Künstler hatten ein Alternativkonzept für das gesamte Gelände erarbeitet und sogar eine Stiftung gefunden, die möglicherweise eingestiegen wäre. Doch die Beziehung zur Hausverwaltung und zum Eigentümer war da schon sehr angespannt, von denen kamen keine Reaktionen.

Im Dezember hatten wir noch eine Demo durch Pasing organisiert, um auf unsere Situation aufmerksam zu machen. Der Höhepunkt war dann die große Abschiedsparty in der Kupa am 3. Januar. Da waren noch einmal sehr viele Menschen auf dem Gelände. Auf der Facebook-Seite des Velo-Café haben wir noch 1000 Follower und immer wieder neue Kontakte. Wir sind eine Gruppe von 15 bis 20 Leuten, die auch nach Schließung des Velo-Cafés Lust haben, etwas zu machen.

Unser nächstes Projekt ist ein dreitägiges Kulturfestival vom 12. bis zum 14. Juni, das wir zusammen mit dem Verein "Irgendwas mit Karl" im Germeringer Schusterhäusl organisieren. Bei dem Kulturfestival "Karl Geht Tanzen" sind viele Künstler, die auch Unterstützer des Velo-Cafés waren, vertreten. Auch bei diesem gemeinnützigen Festival stehen soziale und kreative Werte im Vordergrund. 50 Prozent der Einnahmen werden an ein lokales Flüchtlingsprojekt gespendet, der Rest wird an die Künstler verteilt. Darüber hinaus versuchen wir, eine neue Location für einen festen Treffpunkt zu bekommen. Da stecken wir aber noch mitten in den Verhandlungen. Das Velo-Café war eine tolle Erfahrung. Wir schauen nun, was kommt."

Protokoll von Jutta Czeguhn

"Der Platz hat einfach nicht mehr gereicht"

Sie fühlen sich richtig wohl: Eva Wolf, Andreas Beil mit den beiden Kindern Leonie und Laurin - eine fröhliche Familie in ihrem neuem Zuhause.

(Foto: Robert Haas)

Eva Wolf wollte nicht umziehen, im Gegenteil. Der technischen Redakteurin gefiel es in Gern. Doch dann brauchten die Kinder mehr Platz, die Staffelmiete stieg und stieg. Also ließ sie sich von ihrem Partner überzeugen. Inzwischen hat sich die 53-Jährige an den Wohnort Hirschgarten gewöhnt - trotz mancher Nachteile, wie sie selbst schildert:

"Von unseren Freunden ist schon seit Jahren niemand mehr umgezogen, die bleiben alle in ihren Wohnungen. Ich glaube, wir hätten das genauso gemacht, wenn uns die zwei Zimmer plus Wohnküche in Gern nicht zu klein geworden wären. Und dann war da auch noch die Staffelmiete. Eingezogen bin ich 1997, damals noch in eine WG, da war Leonie gerade dreieinhalb Wochen alt. Die Miete hat am Anfang, nach heutiger Lesart, weniger als 700 Euro gekostet, Gas, Strom und Heizung gingen extra. Am Schluss nach 13 Jahren haben wir für die 77 Quadratmeter fast 1000 Euro bezahlt, alle zwei Jahre gab's automatisch eine Erhöhung.

Aber die Wohnung war ideal gelegen, nah am Nymphenburger Kanal, fast schon in der Natur und trotzdem nicht weit weg vom Rotkreuzplatz, der ja ein echtes Zentrum ist zum Einkaufen und so. In die Krippe, den Kindergarten und die Schule hatten wir zu Fuß keine fünf Minuten, damals als Alleinerziehende hab ich dort auch einen Platz bekommen. Für Laurin als Geschwisterkind ging das später dann auch. Außerdem gab's im Haus viele Kinder, und wir hatten total nette Nachbarn. Wir waren da richtig verwurzelt, ständig ist jemand bei uns rumgesprungen. Unser Hauptproblem war, dass der Platz einfach nicht mehr gereicht hat. Zwei Schlafzimmer bei zwei Kindern, das geht auf Dauer nicht. Leonie und Laurin haben sich neun Jahre lang ein Zimmer geteilt. Es hat ihnen nichts ausgemacht, sie haben sich zum Glück immer gut verstanden. Denn Andi hat Jahre gebraucht, um mich zum Umziehen zu überreden, ich wollte einfach nicht weg. Irgendwann hab ich dann aber eingesehen, dass meine Tochter ein eigenes Zimmer haben sollte, bevor sie ihren ersten Freund hat.

Gesucht haben wir erst mal im Internet. Das meiste war zu teuer oder in einer Gegend, in die Andi nicht wollte. Ich wäre ja überall hingegangen, ich wollte nur wieder einen Balkon, das war meine einzige Bedingung. Dann hat uns ein Freund von freien Wohnungen in seinem Viertel erzählt, und so sind wir westlich vom Hirschgarten gelandet. Das ist auch noch in Nymphenburg, aber es wirkt eher schon wie Laim.

Eindeutig verschlechtert hat sich unsere Verkehrsanbindung. Früher hatten wir die U-Bahn vor der Haustür, jetzt müssen wir halt latschen - zehn Minuten zu S-Bahn oder Tram, sieben Minuten zum Bus. Unsere Einkaufsmöglichkeiten sind vielleicht auch nicht mehr so gut. Aber mittlerweile kriegt man sogar am Romanplatz so ziemlich alles. Außerdem gibt es Richtung Laimer Unterführung jetzt auch Märkte. Die Infrastruktur bei uns wird immer besser wegen der Neubaugebiete.

Die Wohnung selber ist total ruhig. Wir haben jetzt vier Zimmer mit fast 100 Quadratmetern und zahlen gut 1300 Euro - ohne Staffelmietvertrag. Ich glaube, die Kinder haben erst, als wir hier waren, begriffen, wie toll ein eigenes Zimmer ist. Im ersten Jahr sind wir alle wie auf Wolken geschwebt, weil die neue Wohnsituation so schön war."

Protokoll von Ulrike Steinbacher

© SZ.de/sebi/tba
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