Preisverleihung Münchner Lichtblicke:"Wir gehen an die Grenze nach Polen und schauen, was wir machen können"

Preisverleihung Münchner Lichtblicke: Ausgezeichnet: Maria Solomina vom Kulturzentrum Gorod.

Ausgezeichnet: Maria Solomina vom Kulturzentrum Gorod.

(Foto: Kulturzentrum GOROD/GIK e.V./oh)

Im Alten Rathaus werden Menschen und Einrichtungen für den Kampf gegen Rassismus mit dem Lichtblicke-Preis 2022 ausgezeichnet. Für die Soforthilfe nach dem Angriff auf die Ukraine wird das Kulturzentrum Gorod/Gik geehrt.

Von Andrea Schlaier

Was Maria Solomina als TV- und Kino-Produzentin in Kiew gelernt hat, sollte sich für die 38-Jährige in ihrer neuen bayerischen Heimat als echte Schlüsselqualifikation erweisen: die hohe Kunst der Organisation. Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfällt, wird das Kulturzentrum Gorod/Gik an der Arnulfstraße, dessen Geschicke sie mit einem Team leitet, von einer Minute auf die andere zu einer der größten Anlaufstellen an der Isar für Geflüchtete aus der Ukraine.

"Erst haben Bekannte und Verwandte angerufen, wir haben viel geweint und dann war schnell klar: Wir gehen an die Grenze nach Polen und schauen, was wir machen können." Die gebürtige Ukrainerin, die seit 2017 in München lebt, erzählt von großen Sammel- und Spendenaktionen, Lebensmittel, Sachspenden, das, was Menschen eben brauchen, die auf der Flucht vor Bomben daheim alles stehen und liegen lassen müssen. "Leute haben angerufen und gesagt, wir haben 100 Busse, die könnt ihr für den Transport haben." Statt hundert Menschen, die sich täglich im Kulturzentrum engagierten, schwirrten hier plötzlich tausend durch Flure und Zimmer. Um gemeinsam zu helfen.

Der Verein Lichterkette, die Landeshauptstadt München und deren Migrationsbeirat ehrten am Dienstagabend den "enormen Einsatz bei der Soforthilfe für die Ukraine, als auch die Bedeutung des Kulturzentrums als Begegnungsort für Menschen unterschiedlichster Herkunft" und verlieh der gemeinnützigen Organisation Gorod/Gik den Förderpreis Münchner Lichtblicke 2022. Mit der Auszeichnung werden Initiativen, Projekte, Schulen und Einzelpersonen gewürdigt, die sich Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entgegenstellen und sich in vorbildlicher Weise, wie es heißt, für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft in München einsetzen.

Mehr als tausend ukrainische Abiturienten legten 2022 Reifeprüfung in München ab

Zu Anfang bot Gorod, das 1998 in München gegründet wurde und das russische Wort für "Stadt" ist, muttersprachlichen Unterricht für russische und ukrainische Kinder. Das Netz an Angeboten hat sich seither kontinuierlich erweitert, der Name auch: Die Abkürzung Gik steht für Gesellschaft für Integration und Kultur in Europa. Über die "Raumbörse" stellt der Verein etwa seine Räumlichkeiten anderen Münchner Initiativen zur Verfügung.

Seit Februar 2022 ist der Verein für viele Geflüchtete aus der Ukraine der Nabel ihrer improvisierten Welt: "Am Anfang haben wir Wohnungen vermittelt, wir helfen bis heute bei der Bürokratie, schreiben E-Mails ans Job-Center, organisieren einmal im Monat ukrainische Lebensmittelmärkte, sind über einen Telegram-Kanal mit 7000 Menschen in München verbunden", sagt Maria Solominas, und ihre lange Liste geht noch weiter: Schon im August des vergangenen Jahres hat es das große Gorod/Gik-Team mehr als tausend ukrainischen Abiturientinnen ermöglicht, an der Isar online ihre Reifeprüfung abzulegen. Gerade ist der zweite Jahrgang durch.

Preisverleihung Münchner Lichtblicke: Die Welt im Blick: Das Team von "Kino Asyl" zeigt Filme aus dem Herkunftsland junger Geflüchteter.

Die Welt im Blick: Das Team von "Kino Asyl" zeigt Filme aus dem Herkunftsland junger Geflüchteter.

(Foto: Max Kratzer/ oh)

Die Arbeit mit Geflüchteten ist auch Kern des Festivals "Kino Asyl", das im Alten Rathaus ebenfalls mit dem Lichtblicke-Preis ausgezeichnet wurde. In der Kino-Reihe präsentieren junge Menschen mit Fluchterfahrung, die in München leben, von ihnen ausgewählte Filme. Projektleiter Linus Einsiedler vom Institut für Medienpädagogik beschreibt den Ansatz: "Das kann ein Kinderfilm sein, den der- oder diejenige aus der Heimat kennt oder der was ganz Unbekanntes aus dem Herkunftsland zeigt. Es ist eine sehr persönliche Auswahl." Die Lichtblicke-Jury würdigt "Kino Asyl" für seine "Kreativität, seinen partizipativen Charakter und seinen vorbildlichen Beitrag für gegenseitiges Verständnis und Austausch auf Augenhöhe in der Münchner Stadtgesellschaft".

Preisverleihung Münchner Lichtblicke: Vorbildlicher Einsatz gegen Rassismus: Hamado Dipama.

Vorbildlicher Einsatz gegen Rassismus: Hamado Dipama.

(Foto: Khrystyna Jalowa/ oh)

Wer sich je in München mit Kampagnen gegen Alltagsrassismus beschäftigt hat, kennt ihn: Hamado Dipama. 1974 in Burkina Faso geboren, lebt er seit 2002 in München. Dipama ist nicht nur Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats, er war auch maßgeblich an der Abschaffung rassistischer Getränkebezeichnungen in bayerischen Gaststätten beteiligt und hat mit aufgedeckt, wie viel Rassismus im Münchner Nachtleben herrscht. Menschen unterschiedlicher Hautfarbe hatten dabei zwei Nächte lang versucht, Zutritt zu Clubs zu bekommen.

Dipama erhält als Einzelperson den Lichtblicke-Preis 2022. Weit über seine vielen Ehrenämter hinaus engagiere er sich gegen Rassismus, lobt die Jury. Sie würdigt seinen "vorbildlichen Einsatz" als Aktivist und als Mensch, der der Stadtgesellschaft immer wieder den Spiegel vorhalte.

Preisverleihung Münchner Lichtblicke: Gern gesehen: die Wanderausstellung über Münchner Sinti und Roma.

Gern gesehen: die Wanderausstellung über Münchner Sinti und Roma.

(Foto: Andreas Tobias/oh)

Bei der Preisverleihung im Alten Rathaus wurden schließlich auch zwei Initiativen lobend erwähnt und ausgezeichnet: Die Wanderausstellung "Gern gesehen - Gespräche mit Münchner Sinti und Roma". Acht Menschen geben darin einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben und ihren Glauben. Die Juroren würdigten das Projekt, weil es mehr Bewusstsein für die Community der Sinti und Roma schaffe und das Publikum "mit neuen Bildern im Kopf nach Hause" gehe. Konzipiert wurde die Wanderausstellung von Sabine Böhler, Fabian Brüder und dem Fotografen Andreas Tobias.

Preisverleihung Münchner Lichtblicke: Beim Kochen zusammenwachsen: die Idee der Initiative "Über den Tellerrand kochen".

Beim Kochen zusammenwachsen: die Idee der Initiative "Über den Tellerrand kochen".

(Foto: Über den Tellerrand kochen e.V./oh)

"Über den Tellerrand kochen" schließlich bringt Menschen mit und ohne Fluchterfahrung durch Kochkurse, Picknicks und Kochtreffs miteinander ins Gespräch. Die Jury ermutigt die Akteure explizit, mit ihrer Arbeit fortzufahren und Münchnerinnen und Münchner, wo auch immer sie herkommen, bei Tisch zusammenzubringen.

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