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Münchner Kammerspiele:Solidarisierung mit Intendant: "Wenn Lilienthal geht, geh ich auch"

Matthias Lilienthal in München, 2015

Matthias Lilienthal bekommt jetzt Unterstützung von 240 nationalen und internationalen Künstlern.

(Foto: lukasbarth.com)
  • In einem offenen Brief an den Münchner Stadtrat haben sich 240 nationale und internationale Künstler mit Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal solidarisiert.
  • Bei Spekulationen über die Nachfolge von Lilienthal wird unterdessen immer wieder Stefan Hunstein genannt.
  • Das Kulturreferat verweist auf das noch fehlende Stellenprofi für die Suche nach einem neuen Intendanten, auf das sich der Stadtrat zunächst einigen müsse.

Wenn Lilienthal geht, geh ich auch", schreibt jemand in das Gästebuch der Kammerspiele, das neben dem Eingang auf einem Pult liegt. In diesem Buch verfassen Zuschauer allerlei Liebenswürdigkeiten und Unliebenswürdigkeiten, die sie der Theaterleitung mitteilen wollen. Ein schneller Scan über die Einträge der vergangenen Tage zeigt, dass zumindest hier die Empörung einiger über Lilienthals Abschied aus München die Erleichterung anderer überwiegt.

Nochmal kurz zusammengefasst: Intendant Matthias Lilienthal hatte angekündigt, seinen noch bis 2020 laufenden Vertrag gar nicht erst nicht verlängern zu wollen, nachdem die städtische CSU lautstark herumerzählt hatte, sie würde einer Verlängerung keinesfalls zustimmen.

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Die Sache scheint für viele damit erledigt. Manche spekulieren bereits über Lilienthals Nachfolge, wobei der gerade erst die Hälfte seiner fünfjährigen Intendanz erreicht hat. Ein Name, der dabei immer wieder auftaucht, ist der von Stefan Hunstein, der sich um die Intendanz der Kammerspiele beworben haben soll. Hunstein, ein renommierter und allseits beliebter Schauspieler und Fotokünstler, der jahrelang Ensemblemitglied der Kammerspiele war, will sich dazu am Donnerstag aber nicht äußern. Vom Kulturreferat heißt es, dass bereits diverse Bewerbungen eingegangen seien, man sich aber erst einmal im Stadtrat einigen müsse, was ein Nachfolger können und wie man ihn bestimmen solle.

Den (oder die) zu finden, dürfte nicht leicht werden bei dem aktuellen Gerangel zwischen SPD und CSU. Zumal das Signal, das München derzeit in die Theaterlandschaft hinaus sendet, durchaus verwirrend ist: Da wurde mit Lilienthal einer geholt, weil er tut, was er tut. Und der wird dann vom Hof gejagt, weil er genau das tut, wozu man ihn geholt hat. Wer soll sich da noch trauen? Bis Ende 2018 jedenfalls soll die Nachfolge feststehen.

Andere wollen sich derweil nicht einfach mit Lilienthals Weggang abfinden. In einem offenen Brief an den Münchner Stadtrat solidarisieren sich jetzt nationale und internationale Künstler mit dem Intendanten. Die "einst so couragierte Initiative der Münchner Kulturpolitik" erfahre "einen herben Rückschlag", heißt es. Jeder wisse, dass Stadttheaterstrukturen dringend reformiert gehörten, schreiben sie und loben Lilienthals Ansatz, neuen Formen und Ästhetiken sowie neuen Zuschauergruppen Raum zu geben. Das sei "ein unerlässlicher Schritt" in der Weiterentwicklung des Theaters. Es sei daher "völlig unverständlich", dass der "vielversprechende Prozess" nun "auf halber Strecke abgebrochen werden soll".

Etwa 240 Künstler haben unterschrieben. Regisseure wie Susanne Kennedy, Ersan Mondtag, Rabih Mroué, Meg Stuart. Kollektive wie She She Pop, Rimini Protokoll, The Agency. Aber auch lokale Künstler sind dabei. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Lilienthal immer wieder vorgeworfen wurde, die besten Produktionen der wenig subventionierten freien Szene in sein Haus zu holen. Ihre Solidarisierung zeigt, dass viele die Öffnung der Kammerspiele für freie Gruppen durchaus als Gewinn verstehen.

Ende März erst hatte sich das Ensemble der Kammerspiele in einem offenen Brief hinter seinen Intendanten gestellt. Die Unterzeichner des zweiten Schreibens aber wagen, politisch zu werden: "Ein Abbruch dieses Projekts (...) könnte der Anfang einer problematischen, wenn nicht gefährlichen Entwicklung sein." Dass Münchner Kulturpolitiker davon sprächen, "die Zeit der künstlerischen Experimente solle insgesamt vorbei sein", deuten sie als Zeichen "nicht nur eines konservativen, sondern nationalistischen Rückschritts auf größerer Ebene".

Matthias Lilienthal selbst schweigt weiter. Am 14. April ist erst mal wieder Premiere an den Kammerspielen: "No Sex", inszeniert vom japanischen Regisseur Toshiki Okada. Auch er hat unterzeichnet.

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