Premiere an den Kammerspielen„Man wird sehen, dass unter der Komik eine große Tragödie liegt“

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Trost im Elend: Samuel Finzi (oben) spielt an den Kammerspielen unter anderem Philipp Auerbach, Edmund Telgenkämper übernimmt ebenfalls mehrere Rollen, hier einen Shoa-Überlebenden, der ausreisen möchte.
Trost im Elend: Samuel Finzi (oben) spielt an den Kammerspielen unter anderem Philipp Auerbach, Edmund Telgenkämper übernimmt ebenfalls mehrere Rollen, hier einen Shoa-Überlebenden, der ausreisen möchte. (Foto: Julian Baumann)

Philipp Auerbach überlebte Auschwitz und Buchenwald, als Staatskommissar in Bayern half er nach dem Krieg rassisch, religiös und politisch Verfolgten. Die Kammerspiele bringen sein Leben nun auf die Bühne – als Revue. Wie geht das?

Von Yvonne Poppek

Behutsam, gar zimperlich ist hier nichts. Nicht einmal auf der Homepage der Münchner Kammerspiele. „Der ,Messias der Überlebenden‘ – gründlich vergessen!“, so beginnt dort die Beschreibung für „Play Auerbach!“. Wahrheit, Hybris, Schwarzhumoriges, Provokation und Dilemma, all das findet sich schon darin. Die Uraufführung mit diesem Titel widmet sich dem Holocaust-Überlebenden und Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte Philipp Auerbach. Sein Leben endete tragisch. Statt eines eher erwartbaren Dokumentartheaterabends wird es an den Kammerspielen eine „Erinnerungsrevue“ geben. Humor und Sarkasmus inklusive. Ein überraschender Umgang. Da möchte man schon gerne wissen, wie es dazu kommt.

Dafür trifft man am besten Avishai Milstein, den Autor dieser Uraufführung. Milstein, Jahrgang 1964, ist nicht nur Dramatiker, sondern auch Regisseur und Dramaturg. Er lebt in Tel Aviv, ist immer wieder an deutschsprachigen Bühnen engagiert, mit Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel arbeitete er schon zusammen. Ihr Haus hat sich an ihn mit der Idee gewandt, über Philipp Auerbach ein Stück zu schreiben, erzählt Milstein. „Play Auerbach!“ ist Teil des Kammerspiele-Programms über jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 mit dem Titel „Wohin jetzt?“. Und traurigerweise hat genau diese Frage, dieses „Wohin jetzt?“ Milstein die Idee zur Rahmenhandlung für sein Stück „Play Auerbach!“ geliefert.

Philipp Auerbach wurde 1945 in München von den Amerikanern als „Staatskommissar für rassisch, politisch und religiös Verfolgte“ eingesetzt. Er half vielen Juden bei der Emigration nach Israel und in die USA.
Philipp Auerbach wurde 1945 in München von den Amerikanern als „Staatskommissar für rassisch, politisch und religiös Verfolgte“ eingesetzt. Er half vielen Juden bei der Emigration nach Israel und in die USA. (Foto: dpa)

Milstein ist kurz vor der Premiere am 4. Dezember aus Tel Aviv in München angekommen. Der 61-Jährige ist entspannt, hellwach und nicht daran interessiert, etwas zu beschönigen. Das entspricht großenteils seinem Umgang mit der Vita von Philipp Auerbach. Dieser wurde 1906 in Hamburg in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren, besuchte die Talmud-Tora-Schule, machte eine kaufmännische Lehre und stieg im väterlichen Geschäft ein. Schon früh engagierte er sich politisch gegen die Nationalsozialisten, floh 1934 nach Antwerpen, wo er 1940 verhaftet wurde. Er kam zuerst in französische Lager, 1944 wurde er nach Auschwitz, später nach Buchenwald verschleppt.

Nach dem Krieg half er mehreren Tausend Holocaust-Überlebenden, die zumeist in den DP-Camps untergebracht waren, in seiner Funktion als bayerischer Staatskommissar bei der Ausreise nach Israel und in die Vereinigten Staaten. Dabei hatte Auerbach selbst das Ziel, jüdisches Leben in Deutschland wieder zu etablieren. 1952 wurde er der Korruption und Veruntreuung angeklagt, Männer mit Nazi-Vergangenheit saßen über ihn zu Gericht, verurteilten ihn. Nach dem Urteil nahm sich Auerbach das Leben. Zwei Jahre später wurde er im Bayerischen Landtag rehabilitiert.

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Über sein Leben hat Hans Hermann Klare eine detaillierte, lesenswerte Biografie geschrieben (er spricht mit Milstein und Rachel Salamander über Auerbach am 3. Dezember in der Monacensia), Dana von Suffrin veröffentlichte erst kürzlich ein klares, top-besetztes Hörspiel. Jetzt kommt Milsteins „Erinnerungsrevue“ in die Kammerspiele, Regie führt Sandra Strunz, die Titelfigur spielt Samuel Finzi.

„Als ich die Biografie gelesen habe, habe ich gemerkt, dass meine Mutter in einem dieser DP-Camps gewesen ist“, sagt Milstein. In Landsberg sei sie untergebracht gewesen, bevor sie nach Israel auswanderte. So habe er eine persönliche Verbindung zu diesem Thema gefunden. Milstein recherchierte im Staatsarchiv, las die Prozessprotokolle, sprach mit Zeitzeugen. Dabei hörte er von in Deutschland lebenden Juden, dass sie die Situation heute nicht anders empfinden als nach 1945. Und dass sie sich aktuell auch die Frage stellen: wohin jetzt? Das veranlasste ihn, die Handlung ins Jahr 2045 zu verlegen und in ein Deutschland, in dem es fast keine Juden mehr gibt und auch kein Theater.

Avishai Milstein ist der Autor von „Play Auerbach!“. Der Theatermacher lebt und arbeitet in Tel Aviv.
Avishai Milstein ist der Autor von „Play Auerbach!“. Der Theatermacher lebt und arbeitet in Tel Aviv. (Foto: Privat)

Bei Milstein probt eine Laientruppe unter der Leitung einer Antisemitismusbeauftragten ein Erinnerungsstück über Philipp Auerbach. Historische Figuren wie Therese Giehse oder Otto Falckenberg tauchen auf, Auerbachs härtester Gegner, der bayerische Justizminister Josef Müller, oder auch jüdische Bittsteller. Die Handlung wechselt hin und her, von 2045 ins Nachkriegsdeutschland. Dabei schält sich mehr und mehr heraus, dass die Deutschen nach 1945 die Chance verpasst haben, Auerbachs Plänen zu folgen und jüdisches Leben zum Teil ihrer Gesellschaft zu machen.

„Wer will das denn schon spüren, wenn keine Juden in Deutschland sind? Ich glaube nicht viele“, sagt Milstein im Gespräch. Er hält mit seiner Meinung nicht zurück, formuliert durchaus auch hart. Das schlägt sich in seinem Text ebenfalls nieder. Die Antisemitismusbeauftragte gibt es darin etwa immer noch, obwohl es keine Juden mehr gibt. „Sie hat die Funktion, die Erinnerungskultur zu kultivieren, und das macht sie“, sagt Milstein. In „Play Auerbach!“ geht es dem Autor um die Diskrepanz, einerseits Juden darstellen zu wollen, andererseits außer dem historischen Wissen keine eigenen Erlebnisse mit ihnen zu verknüpfen. Wie soll man mit dieser Situation umgehen? Eine Frage, die sich in den Augen Milsteins schon heute stellt, gerade auch in Deutschland.

Annika Neugart spielt die Schauspielerin Therese Giehse, die vor den Nazis in die Schweiz floh und erst nach dem Krieg wieder an den Kammerspielen auftrat.
Annika Neugart spielt die Schauspielerin Therese Giehse, die vor den Nazis in die Schweiz floh und erst nach dem Krieg wieder an den Kammerspielen auftrat. (Foto: Julian Baumann)

Im Stück führt das dazu, dass die Truppe wiederholt bei kritischen Topoi landet, wie dem Handel treibenden Juden, die sofort als antisemitisch entlarvt werden. Oder aber die deutschen Darsteller stolpern in die Klischees, verheddern sich in ihrer Überkorrektheit oder auch in unerträglich dummen Entgleisungen. Das generiert eine schwarzhumorige Komik, die die Probleme und Defizite offenlegt, ohne didaktisch zu sein.

Dem Stück und Milstein selbst ist anzumerken, wie sehr es den Autor beschäftigt, dass damals, zu Auerbachs Zeiten, das Antisemitismus-Problem in Deutschland hätte überwunden werden können. „Damals wollten sie es einfach nicht lösen“, sagt er. „Dann wäre wirklich alles, alles anders geworden.“ Trotzdem: Eine Tragödie wollte er nicht schreiben. Aus praktischen Gründen, weil beispielsweise in Auerbachs Leben kaum Frauen eine Rolle spielten. Nur die politischen Auseinandersetzungen aufzuschreiben, hält Milstein für langweilig. „Da gibt es Autoren, die das besser können“, glaubt er.

Am Ende ist eine Revue entstanden. „Wenn die Tragik durch die Komik plötzlich Gesicht zeigt, finde ich das immer am interessantesten“, sagt Avishai Milstein. „Es war mein Bemühen, dass die große Tragik allmählich transparent wird. Und man wird sehen, dass unter der Komik eine große Tragödie liegt, die uns irgendwie auch noch heute betrifft.“

„Play Auerbach!“, Uraufführung, Münchner Kammerspiele, Donnerstag, 4. Dezember, 20 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version wurde fälschlicherweise Landshut als Standort des DP-Camps genannt. Richtig ist Landsberg.

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