Theater:Seltsam leuchtendes Kunstwerk

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Theater: Reine Poesie ohne die Last des Verstehenmüssens: "Klittern".

Reine Poesie ohne die Last des Verstehenmüssens: "Klittern".

(Foto: Lennart Boyd Schürmann)

"Klittern", Lennart Boyd Schürmanns Abschlussinszenierung an der Falckenberg-Schule.

Von Egbert Tholl, München

Dankenswerterweise wird der Titel im hübschen Programmzettel erklärt. "Klittern" bedeute das "zumutungsvolle Verdrehen und Verbinden von disparaten Materialien gemäß einer den Tatbestand des groben Unfugs zu erfüllen scheinenden Agenda". Dies ist nicht nur bestens formuliert, es ist auch die Verheißung eines Theaterabends, der einen von der Last des Verstehenmüssens befreit und einen entlässt in die Betrachtung eines reinen Kunstwerks. Denn ein solches ist "Klittern", die Inszenierung, mit der Lennart Boyd Schürmann sein Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule abschließt.

Man kann darin viele politische oder gesellschaftlich relevante Implikationen entdecken, doch im Kern ihrer vielen Wendungen ist die Aufführung Poesie. Diese basiert auf einer Fabel von Aesop: Ein Schaf trifft auf einen Wolf. Der Wolf will das tun, was seiner Natur entspricht. Aber das Schaf will nicht gefressen werden und bittet um einen letzten Tanz. Der Wolf begleitet den Tanz auf einer Flöte, die Klänge rufen den Hirtenhund herbei, das Schaf kann fliehen. Das vermeintlich unterlegene Tier besiegt das stärkere mit Musik und Tanz. Das ist doch mal ein schöner Ausweg aus allen Strukturen gewalttätiger Herrschaft. Der am Ende der Aufführung dann ins Metaphysische drängt: Auch beim Einlass ins Paradies hilft ein Tanz.

Nun gibt es zwar bei Schürmann ein Schaf und einen Wolf, also Tiermasken, aber man darf nicht glauben, dass man sich im Werkraum auf einer Blümchenwiese befände. Eher kommt einem der Gedanke, man sei in einer hippen New Yorker Underground-Galerie in den Siebzigerjahren und träfe dort drei Menschen von ganz eigentümlicher Wesenhaftigkeit: die durch nichts aus der Bahn zu werfende Schauspielerin Elena Wolff, den auf freundlichste Art in sich verschrobenen Musiker Stanislav Iordanov und den irisierenden, tanzenden Performer Luis Garay. Die Drei stammen aus Österreich, Bulgarien und Kolumbien, mehrheitlich ist ihre gemeinsame Bühnensprache ein genuscheltes Englisch, aber das schmälert die Faszination dieses fein leuchtenden Kunstvorgangs keineswegs.

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