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Münchner Kammerspiele:Geachtet, geächtet, getötet

"Unermessliches Leid": Bürgermeisterin Katrin Habenschaden mit der Tafel, die an das Schicksal von Dramaturg Edgar Weil erinnert.

(Foto: Robert Haas)

An den Kammerspielen wird jetzt an Mitarbeiter erinnert, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden

Anfangs waren es nur ein paar Namen, von denen man wusste. Namen von Menschen, die vor der Machtergreifung der Nazis 1933 an den Kammerspielen gearbeitet haben und die dann fliehen mussten, verfolgt und ermordet wurden. Namen, die in keiner Chronik der Kammerspiele auftauchten. 2018 gab Matthias Lilienthal, Intendant der Kammerspiele, den Anstoß, die Geschichte dieser Mitarbeiter zu erforschen. Dann wurden es mehr und mehr, bis heute sind rund 150 Namen aufgetaucht, die nun nach und nach ein Gesicht und ihren Platz in der Münchner Erinnerungskultur bekommen sollten. Fünf von ihnen sind seit Donnerstag am Eingang der Kammerspiele sichtbar, in Form von Erinnerungszeichen, wie sie seit 2018 in der Stadt zu finden sind und an Opfer der NS-Zeit erinnern. Jene Tafeln mit den biografischen Eckdaten der Menschen und ihrem Gesicht: Benno Bing, Emmy Rowohlt, Julius Peter Seger, Hans Tintner und Edgar Weil.

Nach einer kleinen Zeremonie bringen Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne), Vertreter des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel, Sibylle von Tiedemann (Gedenkinitiative für die "Euthanasie"-Opfer) und Matthias Lilienthal die Erinnerungszeichen an. Es dürfen nur wenige Menschen dabei sein an dem Tag, Charlotte Knobloch aber ist gekommen, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

"Diese fünf Menschen haben das Theater mitgeprägt", sagt Habenschaden, "und ihre Angehörigen haben kein Grab, keinen Ort der Trauer, an den sie gehen können." Sie begrüßt die Initiative zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte der Kammerspiele sehr: "Wir dürfen auch in schwierigen Zeiten jene nicht vergessen, denen unermessliches Leid zugefügt wurde." Sie bedankt sich bei Matthias Lilienthal und dem Ehepaar Janne und Klaus Weinzierl, die als Privatpersonen maßgeblich an der Recherche beteiligt sind.

Am Ende werden die Biografien der fünf Menschen verlesen, ausführlich: Benno Bing, der als kaufmännischer Direktor jahrelang an den Kammerspielen gearbeitet hatte und im Konzentrationslager Auschwitz 1942 ermordet wurde. Oder Julius Peter Seger, der ein geschätzter Schauspieler des Theaters war und ebenfalls in Auschwitz ums Leben kam. Hans Tintner, geboren in Wien, der in der Uraufführung von Frank Wedekinds "Schloss Wetterstein" spielte und auch in Auschwitz ermordet wurde. Edgar Weil, Dramaturg unter Otto Falckenberg, der 1933 aus München floh und doch im KZ Mauthausen ums Leben kam. Und Emmy Rohwolt, Schauspielerin, die keine Jüdin war, aber, weil sie gegen Hitler gehetzt hatte, ins sogenannte "Hungerhaus" in Eglfing-Haar kam, wo sie verhungerte.

Wie muss das gewesen sein, damals, als von einem Tag auf den anderen ein derart großes Loch in die Münchner Stadtgesellschaft gerissen worden war? Durch die Flucht und das Verschwinden derer, die 1933 plötzlich nicht mehr erwünscht waren? Wie konnte ein Theater weitermachen ohne die ermordeten Mitarbeiter? Wie die Angehörigen?

Gemeinsam mit dem Stadtarchiv wollen das Ehepaar Weinzierl und die Kammerspiele weitere Biografien aufspüren und die Geschichten der Menschen sichtbar machen. Dramaturg Martin Valdés-Stauber ist der Verantwortliche für das Projekt, das die Kammerspiele "Schicksale" nennen, und wird es auch weiterhin begleiten, wenn Lilienthal München verlässt. Seine Nachfolgerin Barbara Mundel, das betont Lilienthal, sei genauso überzeugt von der Wichtigkeit des Projekts.

© SZ vom 27.06.2020

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