Theater:Mit Blick fürs Ganze

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Theater: Katharina Bach, Edmund Telgenkämper (Mitte) und Thomas Schmauser bringen die Adaption von Édouard Louis' Roman "Die Freiheit einer Frau" auf die Bühne.

Katharina Bach, Edmund Telgenkämper (Mitte) und Thomas Schmauser bringen die Adaption von Édouard Louis' Roman "Die Freiheit einer Frau" auf die Bühne.

(Foto: Armin Smailovic)

Mit dem Doppelabend "Nora & Die Freiheit einer Frau" verbinden die Münchner Kammerspiele Henrik Ibsen mit Édouard Louis. Regie führt Felicitas Brucker. Das könnte ein Glücksfall werden.

Von Yvonne Poppek, München

Wie passen die zusammen: Édouard Louis, der 29-jährige französische Autor, Shootingstar seiner Generation, und Henrik Ibsen, der norwegische Altmeister, geboren im 19. Jahrhundert? Im ersten Moment ist eine zwingende Verbindung nicht offensichtlich. Warum sie zu einem Theaterabend zusammenspannen? Es könnte eine dieser Dramaturgen-Ideen sein, gleichsam zwei ohnehin auffällig gefärbte Wollfäden in einem Pulli zusammenzustricken. Doch dann liest man noch einmal Ibsens realistisches Gesellschaftsdrama "Nora" und Louis' autofiktionalen Roman "Die Freiheit einer Frau" und ist fasziniert, wie sehr sich diese beiden Texte über 140 Jahre hinweg spiegeln. Die Münchner Kammerspiele eröffnen nun die Saison im Schauspielhaus mit dieser Verknüpfung am Freitag, 7. Oktober.

Im Mittelpunkt beider Texte steht eine Frau. Bei Ibsen ist es seine Nora, die in ihrer Ehe nicht selbständig sein darf und am Ende aus ihrem "Puppenheim" ausbricht. Louis hingegen beschreibt aus der Perspektive des Kindes, das verzweifelt versucht, "nicht Sohn zu werden", das Leben seiner Mutter in prekären, teils brutalen Verhältnissen, und wie sie sich daraus befreit. Für die Inszenierung an den Kammerspielen ist es mit diesen beiden Autoren indes noch nicht getan, hinzu kommen noch Textanteile der zeitgenössischen Autorinnen Sivan Ben Yishai, Gerhild Steinbuch und Ivna Žic. Sie haben Ibsens "Nora" angereichert mit ihrer eigenen Sprache und ihrer Perspektive auf das Stück. Ibsens "Nora" ist dabei nicht aufgelöst worden, der Grundkonflikt, seine Dialoge, seine Figuren sind da. Nur rutscht das Drama sehr viel mehr ins Heute.

Es wirkt konstruiert ist aber organisch gewachsen

Zugegeben: Um dieses Double Features zu erklären, sind einige Sätze nötig. Es wirkt sehr konstruiert, was doch organisch gewachsen ist. Das erschließt sich sofort, sobald die Regisseurin Felicitas Brucker zu erzählen beginnt. Brucker, geboren 1974 in Stuttgart, inszeniert an vielen großen deutschsprachigen Bühnen. In München brachte sie zuletzt Wolfram Lotz' "Die Politiker" auf der Kammerspiel-Bühne heraus. Ein durchrhythmisierter, kraftvoller und rauschhafter Abend mit Katharina Bach, Svetlana Belesova und Thomas Schmauser. Mit ihnen arbeitet sie auch bei der Nora, ergänzt durch Vincent Redetzki und Edmund Telgenkämper. "Eine tolle Gruppe", nennt die Regisseurin dieses Team, begreift sie als "künstlerische Partner".

"Zuerst war Nora die Idee", erzählt Brucker. Ibsens Drama zu inszenieren, sei auch ein Wunsch des Ensembles gewesen. Sofort sei auch der Gedanke entstanden, zeitgenössische Autorinnen um zusätzliche Texte zu bitten. Ben Yishai schrieb einen Prolog, in der die Nebenfiguren zu Wort kommen, Steinbuch widmet sich den unausgesprochenen, inneren Konflikten, Žic gibt den von Nora verlassenen Kindern eine Stimme. "Es sind drei Perspektiven, die auch clashen dürfen", sagt Brucker.

Bruckers Sicht auf Ibsens "Nora" ist angenehm weit gefasst

Wenn die Regisseurin über ihre Sicht auf die "Nora" spricht, so ist diese angenehm weit gefasst. Keinesfalls geht es ihr nur um das Schicksal einer unterdrückten Frau. Vielmehr beschäftigt sie der Gedanke, wie groß generell die Angst ist, gesellschaftlich abzurutschen. Alles wird dafür getan, den Normen zu entsprechen, die gute Fassade aufrechtzuerhalten. Beziehungen oder Handlungen neu zu denken, ist schier unmöglich. Verlogenheit, Starrheit entdeckt Brucker hier. Bei Édourd Louis ist die Mutter ähnlich wie Nora eingesperrt in ihrem Leben, bei ihr kommt noch die politische Dimension des Klassendenkens hinzu. Wie stark die Querverbindungen der Texte sind, sei auf den Proben spürbar gewesen, sagt Brucker. Da hätten sich die Sätze aus dem einen Text auf natürliche Weise in den anderen gemischt, Kernaussagen, "die uns begleitet haben".

Dass Louis' Text mit Ibsens Drama gekoppelt wurde, liegt nun daran, dass Brucker den jungen Autor sehr schätzt, die Art, extrem Persönliches mit Politischem zu verbinden. Beide Produktionen sollen an den Kammerspielen unabhängig voneinander funktionieren und auch einzeln zu sehen sein. Vermutlich ein Glück, dass sie bei der Premiere zusammengehören.

Nora & Die Freiheit einer Frau, Premiere: Freitag, 7. Oktober, 19 Uhr, Kammerspiele

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