„Katzelmacher“ an den Münchner KammerspielenDer richtige Moment für Fassbinder

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Für „Katzelmacher“ an den Münchner Kammerspielen findet Regisseur Emre Akal zusammen mit dem Künstlerduo Mehmet und Kazim Akal prägnante Bilderwelten.
Für „Katzelmacher“ an den Münchner Kammerspielen findet Regisseur Emre Akal zusammen mit dem Künstlerduo Mehmet und Kazim Akal prägnante Bilderwelten. Gabriela Neeb

Emre Akal inszeniert „Katzelmacher“ an den Münchner Kammerspielen. Rainer Werner Fassbinders Drama setzt er dabei in die traumbunten Welten des Künstlerduos Mehmet und Kazim Akal.

Von Yvonne Poppek

Ende der Sechzigerjahre existierte in der Münchner Müllerstraße das Action-Theater, eine kleine Bühne, die die Süddeutsche Zeitung als „eher kulturfeindlich, eher publikumsfeindlich“ beschrieb, sie „ist links, beschädigt heilige Güter und Präsentationsformen“ – und sie schaffe Verblüffendes ohne finanzielle Förderung, versammle ein tolles Ensemble, ebensolche Regisseure und Autoren. Einer von ihnen war Rainer Werner Fassbinder, der im Action-Theater sein Drama „Katzelmacher“ zur Uraufführung brachte, laut SZ „ein kleines, deprimierendes Modell gesellschaftlicher Verhaltensweisen, ein Gastarbeiter und eine halbproletarische Dorfjugend, locker typisiert, stoßen aufeinander“. Ein Jahr später, 1969, gelang Fassbinder mit dem Film „Katzelmacher“ der Durchbruch.

Ziemlich genau 57 Jahre ist diese Uraufführung in der Müllerstraße nun her, doch der Stoff kann nicht in die Vergangenheit geräumt werden. Die Ausgrenzung von jemandem als fremd Empfundenen, die daraus resultierende Gewalt: 2025 ist dies in Deutschland bittere Realität. Und zwar eine, die weder schwer noch lediglich am Rand zu finden ist. Für Regisseur Emre Akal ist dies eine Entwicklung, bei der ihm klar wurde, dass es „der richtige Moment ist, diesen Text neu zu überprüfen“. Am Donnerstag, 10. April, hat seine Inszenierung von „Katzelmacher“ mit einem zusätzlichen Epilog von ihm in den Kammerspielen Premiere.

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Es ist ein Stoff, mit dem sich Akal nicht leicht tut, wie er sagt. Er habe lange versucht, Themen, die auf ihn projiziert würden, von sich wegzuhalten. Seine Idee sei primär gewesen, einen Fassbinder-Text zu überschreiben. Nach und nach schälte sich dann „Katzelmacher“ heraus. Die Bedeutung dieses Textes beschreibt Akal in den vergangenen Monaten als changierend. Gerade in der Zeit des Wahlkampfes seien auch seine Social-Media-Kanäle mit rechtspopulistischem Gedankengut geflutet worden. Fassbinders Sätze seien plötzlich nicht mehr seltsam, sie würden so in aller Öffentlichkeit ausgesprochen. Was Akal dabei zusätzlich feststellt: Sie können aus allen Richtungen kommen, es gibt nicht mehr nur eine klar erkennbare Gruppierung, die sie äußert.

Für ihn ist Jorgos, der Gastarbeiter, zu einer Projektionsfläche geworden. Er ist ein Mensch, der ausgegrenzt wird. „Die Erfahrung der Ausgrenzung hat jeder einmal gemacht“, sagt Akal. Es lässt sich also daran anknüpfen. Er ist das Gegenüber zu der Gruppe, die bei Fassbinder noch junge Leute im Vorort-Milieu waren und die bei Akal – entsprechend der Lebenswirklichkeit 2025 – sehr viel diffuser ist. „Den Sätzen entkommt man nicht“, sagt er. „Nur die Identitäten verändern sich mit der Zeit.“

Akal versteht sich hier als ein Regisseur, der Systeme analysiert und die Mechanismen offenlegt. In diesem Fall ist es ein konstruiertes Gegenüber, das benötigt wird, um ein Wir zu konstruieren. Doch was ist eigentlich, wenn dieses Gegenüber nicht mehr existiert? Ist das nicht die größte Bedrohung für das Wir?

Der Sound kommt von Enik

Was sehr analytisch klingt, transportiert Akal in kontrapunktischen Bildern auf die Bühne. Dafür hat er das Künstlerduo Mehmet und Kazim Akal für das Bühnenbild und die Videoanimation an seiner Seite. Mehmet, Emre Akals Cousin, und Kazim, sein Zwillingsbruder, sind unter anderem durch ihren Malstil in den Farben Rot und Weiß, dessen Ursprung in der Graffitiszene noch sichtbar ist, bekannt. Für „Katzelmacher“ arbeiten sie mit VR-Brillen, um ihre bunten, wie aus einer Knetmasse gezogenen Welten entstehen zu lassen. Ähnlich ihrer vorhergehenden gemeinsamen Inszenierung an den Kammerspielen, der „Göttersimulation“, ist also ein optisches Spektakel zu erwarten.

Sieben Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem Ensemble, die großenteils mehrere Rollen übernehmen, spielen in „Katzelmacher“, dazu kommt die Musik von Enik, die sicher eine weitere Wunderkammer öffnet und jeder neuen Spielszene einen eigenen Sound unterlegt. Denn so träumt sich Emre Akal sein Theater: Welten zu erschaffen, in denen man wegtreibt.

„Katzelmacher“, Premiere: Donnerstag, 10. April, 20 Uhr, Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus

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