bedeckt München 34°

Subjektive Wahrnehmung:Es gibt keinen Lärm

Ein tropfender Wasserhahn ist eigentlich leise, treibt den Schlafsuchenden aber in den Wahnsinn. Opernfans merken nicht, dass eine Wagner-Inszenierung lauter sein kann als eine Kettensäge. Schallpegel werden von Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Ein Münchner Ingenieur geht sogar davon aus, dass es Lärm als festgelegte Größe gar nicht gibt.

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt keinen Lärm. Wenn es Lärm gäbe, als festgelegte Größe, als DIN-Norm, als letztgültige Definition - wie ist es dann möglich, dass ein tropfender Wasserhahn den Schlafsuchenden in den Wahnsinn treiben kann, obwohl das Pling-Pling nun ganz gewiss nicht laut ist?

Fast drei Millionen Menschen leiden unter chronischem Tinnitus

Was der eine als angenehm empfindet, ist für den anderen unendlich stören: Lärm wird immer subjektiv wahrgenommen.

(Foto: Techniker Krankenkasse/ dpa)

Warum gehen andererseits Menschen ins Konzert, um sich eine Bruckner-Symphonie oder eine Wagneroper anzuhören? Dabei können Schallpegel von 120 Dezibel entstehen, das ist lauter als eine laufende Kettensäge in einem Meter Entfernung. Dennoch beschweren sich die Leute nach dem Konzert nicht über den Lärm, sondern berichten strahlend vom überwältigenden Kunstgenuss.

Georg Praml hat einen Freund, bei dem fährt die S-Bahn direkt am Gartenzaun vorbei. Das bedeutet mindestens alle zehn Minuten eine Lärmwelle, die zum Beispiel eine Unterhaltung im Garten unmöglich macht. Für viele Leute wäre das alleine Grund genug wegzuziehen. Nicht so für Georg Pramls Freund: "Der ist Eisenbahn-Fan und findet's super", sagt er. Und damit ist der Kumpel so etwas wie der Kronzeuge für Pramls These: Es gibt keinen Lärm.

Praml ist Ingenieur und arbeitet im Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der LMU. Er nähert sich dem Phänomen "Lärm" von der physikalischen Seite und hebt deshalb erst einmal zu einer theoretischen Erklärung an. Ein Geräusch ist zunächst nichts anderes als eine periodische Störung des Luftdrucks. Eine Schallwelle erreicht das Ohr und wird dort mittels motorischer, mechanischer und schließlich neurologischer Vorgänge in das umgewandelt, was wir "Hören" nennen - was übrigens zu der halb scherzhaften, halb philosophischen Frage führt, ob ein Baum, der im Wald umfällt, auch dann ein Geräusch fabriziert, wenn niemand in der Nähe ist, der es hören könnte.

Ein startender Düsenjet produziert 120 Dezibel

Physiker - und Ingenieure wie Praml, die sich auf die Physik beziehen - verwenden verschiedene Parameter, um die Eigenschaften des Schalls zu beschreiben. Einer der wichtigsten, was die Lautstärke betrifft, ist jener der Schallintensität. Sie berechnet sich aus der Schallleistung, gemessen in Watt, geteilt durch das Quadrat der Entfernung. Weil sich dabei recht unhandliche Zahlen ergeben, arbeiten Wissenschaftler und Praktiker mit ihren Logarithmen - und sind dabei bei den berühmten Dezibel angelangt, die Einheit für den Schallpegel. Die Tabellen über Vergleichswerte sind zahllos, 120 Dezibel etwa produziert ein startender Düsenjet, bei 40 Dezibel in der Staatsbibliothek sollte es still genug zum konzentrierten Lernen sein.

Das Verflixte am Schall ist, dass er nicht den vielfach bekannten Gesetzen von Addition und Subtraktion folgt. Wird etwa zu einer laufenden Drehmaschine, die etwa 70 Dezibel emittiert, eine zweite eingeschaltet, dann wächst die Lautstärke - genauer: der Pegel - nicht um das Doppelte, geschweige denn, dass nun 140 Dezibel herauskrachen. "Eine Verdoppelung der Quelle bewirkt eine Erhöhung des Pegels um drei Dezibel", sagt Georg Praml. In Experimenten wurde herausgefunden, dass die meisten Menschen es als eine "Verdoppelung" der Lautstärke empfinden, wenn der Pegel um zehn Dezibel wächst. Das heißt: Doppelt so laut sind die Drehmaschinen erst, wenn ihrer zehn angeworfen werden.

Was für die Erhöhung der Lautstärke gilt, trifft umgekehrt natürlich auch auf ihre Reduzierung zu. Über die Donnersbergerbrücke fahren am Tag rund 150.000 Fahrzeuge, die einen nicht unerheblichen Geräuschpegel erzeugen. Sollte nun eine Anwohner-Initiative fordern, der Lärm solle halbiert werden, dann würde es eben nicht reichen, nur noch die Hälfte der Autos die Brücke passieren zu lassen. Nein: Erst ein tägliches Aufkommen von einem Zehntel des jetzigen, also 15.000 Autos, würde die Halbierung der Geräuschbelastung erreichen.

Oder auch nicht, denn "Einzelereignisse können störender wirken als Dauerlärm", sagt Georg Praml. Ein Schuss in einer stillen Waldidylle schreckt viel mehr auf als das stete Rauschen eines endlosen Verkehrsstroms, welches das Gehirn wegfiltert. Aber auch das ist wieder nur die halbe Wahrheit.

Macht Lärm krank?

In Tests wurde bewiesen, dass die Fehlerquote bei zunehmendem Lärm steigt, auch wenn die Probanden ihn nicht als störend empfanden - ein Argument für alle Eltern, deren Kinder ihre Hausaufgaben grundsätzlich nur unter Musikberieselung erledigen können. "Das Gehirn muss dann eben doch Kapazitäten darauf verwenden, das wegzudrücken", vermutet Praml.

Kann Lärm nun krank machen? Georg Praml kennt nur eine wissenschaftlich verifizierte Krankheit, die durch Lärm verursacht wird und für die es deshalb auch einen gesetzlichen Grenzwert gibt: Wer über lange Zeit täglich einem Pegel von 85 Dezibel und mehr ausgesetzt ist, der wird sehr wahrscheinlich im Lauf der Zeit schwerhörig, wenn nicht taub werden.

"Alle anderen Lärmfolgen lassen sich nur epidemiologisch messen", sagt Praml. Das heißt, dass sich in Gebieten mit erhöhter Lärmbelastung eventuell eine statistische Häufung von zum Beispiel Herzinfarkten feststellen lässt. Es ist aber unmöglich, einen einzelnen Herzinfarkt auf den Lärm zurückzuführen.

Was aber nun nicht heißt, dass Lärm folgenlos ist. Denn nun greift eine subjektive Komponente. "Die persönliche Beziehung zu Geräuschen ist entscheidend", sagt Praml. Und ob der Mensch kontrollieren kann, was da an sein Ohr dringt. Die Bohrmaschine in der eigenen Hand wird also weniger stören als jene des Nachbarn, auch wenn diese objektiv leiser ist. Der Modellbau-Freak freut sich am schrillen Pfeifen des Flugzeugmotors, der 17.000 Umdrehungen in der Minute erzeugt - während ihm der Angstschweiß ausbricht, wenn der Bohrer des Zahnarzts ein ähnliches Geräusch macht. Und der Bruckner-Aficionado wird schaudernd das Konzert einer Heavy-Metal-Band verlassen, obwohl der Schallpegel hier wie dort ähnlich ist.

Es gibt keinen Lärm? Es gibt ihn doch, auch wenn er eher in den Gehirnen der Menschen, in ihren Vorstellungen, Vorlieben und Abneigungen entsteht als real in der Welt. Georg Praml erzählt noch die Geschichte von zu Hause, wo sich ein Bewohner über die Entlüftung der Tiefgarage beschwerte, die sich in regelmäßigen Abständen einschaltete, was natürlich ein Geräusch verursachte. Die Entlüftung wurde gedämmt. Aber nun war es erst recht nicht ruhig, denn nun waren die Umwälzpumpen der Heizung zu hören, die vorher von den Lüftern gnädig überdeckt wurden.

Es ist ein Kreuz mit dem Lärm und mit den Geräuschen, man kann ihnen nicht entkommen, sie sind immer da - und letztlich entscheidet jeder für sich, was er denn nun als störenden Lärm, als akzeptablen Hintergrund oder als genussbringende Tonkulisse betrachten möchte. Kurt Tucholsky hat gesagt: "Der eigene Hund macht keinen Lärm - er bellt nur."