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Münchner Geschichte:Das kurze Leben der Maria Sandmayr

Die 19-jährige Maria Sandmayr wurde von Mitgliedern der bayerischen Einwohnerwehr ermordet, weil sie ein Waffenlager verraten hatte.

(Foto: Staatsarchiv München)

Maria Sandmayr wurde vor 100 Jahren als angebliche Vaterlandsverräterin ermordet. Doch sie lebt bis heute in Romanen und Theaterstücken weiter

Von Sabine Reithmaier

Zwei junge Burschen entdecken am 6. Oktober 1920 im Forstenrieder Park die Leiche einer blonden, jungen Frau. Ihr Kopf ist mit einer Schnur an einen Baumstamm gebunden, darüber hängt ein Stück Karton mit der Aufschrift: "Du Schandweib hast verraten Dein Vaterland Du wurdest gerichtet von der Schwarzen Hand." Wenig später steht die Identität der Erdrosselten fest: Es handelt sich um das Dienstmädchen Maria Sandmayr, 1901 im Bezirk Dachau geboren.

"Der Mord bewegte die Leute sehr", sagt die Landsberger Historikerin Edith Raim, die im Zuge ihrer Forschungen zu den bayerischen Einwohnerwehren auf den Fall stieß. Ähnlich formulierte es 90 Jahre früher der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der den Fall in seinem Roman "Erfolg" verhandelt. "Die Beseitigung der Hausgehilfin Amalia Sandhuber, trotz der wilden Wechselfälle in Politik und Wirtschaft, erregte ungeheueres Aufsehen", schreibt er. Feuchtwanger ist nicht der einzige Autor, den das erste und einzige weibliche Opfer eines bayerischen Fememords literarisch inspirierte. Ödön von Horváth verarbeitet die Geschichte in seinem Stück "Sladek, der schwarze Reichswehrmann" (1928). Maria Sandmayr ist hier die Witwe Anna Schramm, die sich in ihren 15 Jahre jüngeren Untermieter Sladek verliebt. Der hat sich gegen ihren Willen der Schwarzen Reichswehr angeschlossen, einem illegalen paramilitärischen Verband.

Waffenbesitz war den Deutschen laut den Bestimmungen des Versailler Vertrags zwar verboten, doch daran wollten sich die selbst ernannten Heimatverteidiger nicht so recht halten. Daher beschloss der Reichstag im August 1920 ein Entwaffnungsgesetz und forderte die Bevölkerung zur Anzeige von Waffenverstecken auf. Genau so ein Lager hatte Maria Sandmayr bei ihrem ehemaligen Dienstherrn, dem Grafen Fischler von Treuberg auf Gut Holzen bei Augsburg, entdeckt. Was die junge Frau damals wirklich dazu motivierte, den "Bettelgrafen", wie sie ihn in einem Brief an einen früheren Arbeitskollegen nannte, anzuzeigen, ist laut Raim unklar. Koketterie oder gar Liebe, wie Feuchtwanger und Horváth ihren Figuren als Motiv unterschieben, dürften nicht der Grund gewesen sein.

Der Mord, auf einem Stück Karton erklärt.

(Foto: Staatsarchiv München)

Die Ermittlungsakten deuten an, Sandmayr habe Rache an ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der sie schlecht behandelte, nehmen wollen. Vielleicht hoffte sie auch auf eine Belohnung. Jedenfalls riss sie von einem Plakat, das zur Abgabe der Waffen mahnte, die Adresse der Druckerei Wallbauer in der Sendlinger Straße ab und erkundigte sich dort am 23. September, wo sie das Lager anzeigen könne. Dort verwies man sie nicht an die Polizei, sondern an Alfred Zeller, einen Führer der Einwohnerwehr. Ihm berichtete Sandmayr, dass sich auf dem Speicher des Grafen Kanonen und in der Garderobe 80 Gewehre befänden.

"Hier hätte die Geschichte enden können", sagt Raim. Doch Alfred Zeller prahlte während des ersten Landesschießens der Einwohnerwehren in München vor den Kollegen damit, wie er die Entdeckung eines Waffenverstecks vereitelt habe, das ein Fräulein "Sandmann" aus Odelzhausen anzeigen wollte. So erfuhr ein anderer Einwohnerwehrmann, Hans Schweighart, von dem Fall, forschte nach und brachte den richtigen Namen und die aktuelle Adresse in Erfahrung. Am Abend des 5. Oktober fuhr er mit zwei weiteren Männern in der Tengstraße mit einem Auto vor und forderte Sandmayr auf, einzusteigen, um bezüglich des Waffenlagers befragt zu werden.

Feuchtwanger bleibt bei der Darstellung des Mords nahe an der Realität. Er zeichnet Amalia Sandhuber als junge, etwas leichtlebige Frau. Im Haus des Obersts, bei dem sie arbeitet, verkehren viele "Wahrhaft Deutsche", wie Feuchtwanger die NSDAP nennt. Sie reden von Aufmarschplänen und Waffendepots. "Amalia Sandhuber hörte nicht hin und verstand, wenn sie hörte, kein Wort." Doch sie ist mit einem kommunistisch gesinnten Metzgergehilfen befreundet, dem sie erzählt, wer im Haus verkehrt. Den Wahrhaft Deutschen fällt irgendwann auf, dass die Linken wissen, wer den General besucht. Und weil einer ihrer "romantischen Vereinsartikel" (Feuchtwanger) lautet, "Verräter verfallen der Feme", beschließen sie, Amalia umzubringen. Horváths kriegsmüde Anna Schramm dagegen will den Geliebten von der Reichswehr fernhalten und kündigt an, jede versteckte Patrone anzuzeigen. "Im Interesse des Vaterlandes" sehen sich die "Hakenkreuzler" gezwungen, sie zu ermorden.

Trotz des Plakats über Sandmayrs Kopf laufen die Ermittlungen der Polizei erst in die falsche Richtung. Man vermutet eine Beziehungstat, ermittelt gegen ihren ehemaligen Freund. Diese falsche Spur greift Angelika Felenda in ihrem historischen Krimi "Wintergewitter" (2016) auf. Dort erzählt die Hausmeisterin Kommissar Sebastian Reitmeyer, die Frau sei von ihrem Verlobten erdrosselt worden, das Schild sei nur Ablenkung. Reitmeyer hält die Version für einen aberwitzigen Versuch der Bayerischen Volkspartei, die Einwohnerwehr aus der Schusslinie zur bringen.

Als die Polizei endlich gegen die rechtsradikalen Täter ermittelt, haben sich diese ins Ausland verzupft. Auch in der Fernsehserie "Löwengrube" (6. Folge "Konsequenzen") gelingt einem Verdächtigen die Flucht ins Ausland, nachdem ihm das Polizeipräsidium in aller Eile einen Pass ausgestellt hat. Dem Kommissar Karl Grandauer (Jörg Hube), der den Mord an dem Hausmädchen aufklären möchte, bedeutet eine höhere Stelle, die Ermittlungen seien nicht erwünscht. Schließlich habe Anna ein Waffenversteck der Einwohnerwehr verraten.

Tatsächlich floh der Anstifter des Fememords, Hans Schweighart, mit einem mutmaßlich vom Münchner Leiter der politischen Polizei ausgestatteten falschen Pass nach Österreich. Dort wurde er 1921 verhaftet. Sein Komplize Hermann Berchtold gestand 1931, Maria Sandmayr erdrosselt zu haben. Das Verfahren gegen ihn und die anderen hatte aber schon 1925 mit einer Einstellung geendet. Wirklich gesühnt wurde der Fememord nie.

© SZ vom 06.10.2020

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