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Münchner Fußgängerzone:Unter Wert verkauft

Die Münchner Fußgängerzone ist die teuerste und meist besuchte Einkaufsstraße in Deutschland - doch viele Händler klagen über hässliches Mobiliar und ein fehlendes Konzept.

Im "Allerlei" gibt es Socken für einen Euro, Halsketten für einen Euro, Mützen für einen Euro. Das Gedränge ist groß, die Schlange an der Kasse lang, es riecht nach Kunststoff. Gleich hinter dem Karlstor treffen in der Neuhauser Straße die Extreme aufeinander: der 1-Euro-Shop im Süden, das eher dem Luxus verpflichtete Kaufhaus Oberpollinger im Norden. Hier ein paar Mädchen, die kichernd Billigschmuck vergleichen. Dort die beiden glücklich lachenden Japanerinnen, die mit großen Tüten aus dem Gucci-Store kommen.

Irgenwas fehlt auf diesem Bild - finden zumindest manche Geschäftsleute: Sie würden die Fußgängerzone gerne mit Sitzecken, kleinen Bühnen oder neuen Lampen verschönern.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Fußgängerzone vom Marienplatz bis zum Stachus, 900 Meter lang, steht fast ausschließlich für Superlative. In keiner anderen deutschen Stadt laufen so viele Menschen pro Stunde an den Läden vorbei, 5000 sind es zu Spitzenzeiten. Nirgendwo sind die Ladenmieten höher.

Nirgendwo haben die Ansässigen mehr Geld zum Ausgeben, und in keine andere deutsche Stadt kommen so viele Touristen vor allem zum Shopping. "Die Fußgängerzone ist ein Erfolgsmodell", sagt Wolfgang Fischer, Geschäftsführer des Interessenverbandes City-Partner, "hier wollen alle Firmen hin". Dafür zahlen sie bis zu 400 Euro Miete - pro Quadratmeter.

Und trotzdem - vielleicht aber gerade deshalb - gibt es Geschäftsleute, die mit der Fußgängerzone, wie sie ist, überhaupt nicht zufrieden sind. Sie wollen eine schönere Einkaufsmeile mit Sitzbänken, hübscheren S-Bahn-Abgängen, einer angenehmeren Beleuchtung. Reimund Baumheier zum Beispiel, der Geschäftsführer von "Galeria Kaufhof" am Marienplatz. Fragt man Baumheier, ob er der Ansicht ist, dass die Fußgängerzone gut ist, so wie sie ist, antwortet er unmissverständlich: "Nein."

Dann erzählt er von Antwerpen, wo er kürzlich flanierte: von dem wunderschönen Pflaster, den kleinen Bäumen, den hübschen Steinbänken, den Fahrradständern. "Die Frage ist doch: Welchen Anspruch habe ich als Stadt an meine Paradestraße?" Baumheier findet, dass München einen anderen, höheren Anspruch an die Kaufinger und Neuhauser Straße haben sollte.

Demnächst Rundbank auf der Rosenstraße

In München vermisst er deshalb vieles, und er ist damit nicht allein - wenngleich die meisten Geschäftsleute zurückhaltend werden, wenn es um einen Kommentar zur Fußgängerzone geht. Andere, Flori Schuster etwa vom Sporthaus Schuster, betonen, sehr interessiert zu sein "an Stimmung und Erlebbarkeit in der Fußgängerzone". Schuster schreitet deshalb selbst zur Tat: Demnächst wird in der Rosenstraße eine Rundbank aufgestellt, die er gestiftet hat. Die Radständer dagegen, die Baumheier auf eigene Kosten vor dem Kaufhof aufstellen wollte, seien von der Stadt abgelehnt worden.

In der Tat kann man geteilter Ansicht darüber sein, ob diese Einkaufsmeile nun schön ist oder nicht. Zum Beispiel die berühmten Doppel-Kreisel-Lampen, von manchen Schaschlikspieße genannt, die einst eigens für die Fußgängerzone entworfen wurden: Die einen finden sie hässlich oder sind zumindest der Überzeugung, dass sich Münchens Zentrum mit dieser Beleuchtung unter Wert illuminiert.

Die anderen finden den Siebziger-Jahre-Charme schick oder zumindest erhaltenswert als Reminiszenz an die Olympischen Spiele 1972. Die Geister scheiden sich auch an den radmutterförmigen Blumenkästen, die demnächst wieder aufgestellt werden. Nina Hugendubel etwa, geschäftsführende Gesellschafterin von Hugendubel, findet sie "weniger gelungen. Aber das ist Geschmackssache - solange die Kundenfrequenz stimmt".

Am 30. Juni 1972 ist die vom Architekten Bernhard Winkler geplante Fußgängerzone eröffnet worden - damals galt es als revolutionär, Autos und Trambahnen zu verbannen und allen Platz den Fußgängern einzuräumen. Seither wurde das Passantengedränge immer größer, bis manche die Fußgängerzone nur noch als "Rempelmeile" bezeichneten.