Lasst Blumen sprechen. So kann man das T-Shirt deuten, das die Schriftstellerin Annett Gröschner an diesem Abend trägt: Es ist mit einem Gemälde bedruckt, das in ihrem Roman „Schwebende Lasten“ eine wichtige Rolle spielt. Die Blumenvase des niederländischen Malers Ambrosius Bosschaert steht für den Lebenstraum der Blumenbinderin und späteren Kranfahrerin Hanna Krause: Jenen Strauß, den sie nur von einer Postkarte kennt, will sie in der Wirklichkeit nachbilden. Es ist ein Traum vom Aufblühen inmitten von viel Dunkelheit.
Denn nicht nur erzählt dieser bewegende Roman von einem standhaften Frauenleben im finsteren 20. Jahrhundert. Nicht nur ist die Rednerin Annett Gröschner ansonsten schwarz gekleidet, sie steht auch vor weitgehend schwarzem Hintergrund. Überhaupt wirkt das Ambiente bei der Eröffnung der Münchner Bücherschau am Mittwochabend in einem ansonsten kahlen und zugigen Zwischenraum im Haus der Kunst sehr kühl. Doch es gibt auch zart sprießende Anzeichen für Zuversicht, nicht nur angesichts später wärmender Gespräche beim Wein.

Es ist gute Tradition, dass die Buchbranche im November bei der Eröffnung der Münchner Bücherschau zusammenkommt, die der Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum 66. Mal ausrichtet. Dass die Tradition noch viel weiter zurückreicht, daran erinnert die Moderatorin Julia Cortis. Nicht nur wurde der Deutsche Börsenverein vor 200 Jahren gegründet, vor 100 Jahren hielt just in München auch Thomas Mann im November eine Rede bei der Eröffnung einer Buch- und Musikwoche. Der Schriftsteller pries die Bedeutung von Dichtern wie Buchhändlern – ist heute dagegen, so fragt Cortis, eine Ausstellung von Büchern, von mehr als 300 sehr unterschiedlich ausgerichteten Verlagen mit 10 000 Exemplaren bestückt, noch zeitgemäß?
Man ahnt, dass sie dies bejahen wird: „zeitgemäß, weil wandelbar“. Und man hofft, dass dieser Wandel auch das anschließende Frage-Kurz-Geplänkel mit Staatsminister Florian Herrmann, dem Börsenvereins-Landesverbands-Vorstandsvorsitzenden (ja, deutsche Wortketten sind herrlich) Klaus Füreder und dem Münchner Kulturreferenten Marek Wiechers erfassen wird. Denn will man im nächsten Jahr wirklich zum dritten Mal hören, dass Herrmann neben einem Sachbuch von Volker Ullrich insbesondere den Thriller-Autor Sebastian Fitzek liebt?

Es gibt ja noch ein paar andere Autoren und Autorinnen, und damit wären wir wieder bei Annett Gröschner. Es war eine hervorragende Idee, diese Schriftstellerin einzuladen, die in den vergangenen Jahren zum Beispiel als Mit-Autorin des köstlichen Buches „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ aufgefallen ist. In diesem Jahr stand sie mit ihrem erfolgreichen Roman „Schwebende Lasten“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises – und man möchte allen Jurys zurufen, die noch nicht getagt haben: Es hätten wirklich auch noch andere Bücher als der aktuelle Roman von Dorothee Elmiger eine Auszeichnung verdient.
Gröschner nun hatte von der Bücherschau den Auftrag bekommen, in ihrer Keynote auf 35 Jahre Wiedervereinigung zu blicken. Lustigerweise, um ein letztes Mal abzuschweifen, waren am selben Abend der Politiker Bodo Ramelow und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ins nahe Literaturhaus geladen, um als Ost-Experten über ihr Buch „Die neue Mauer“ zu sprechen. Ein Zufall, gewiss – und doch scheint ein unsichtbares Band noch Literaturhaus und Bücherschau zu verbinden, die nach vielen gemeinsamen Literaturfestjahren erst im zweiten Jahr auf getrennten Pfaden wandeln.
Annett Gröschner, 1964 in Magdeburg geboren und seit den Achtzigerjahren in Berlin lebend, unterläuft jedoch die Erwartungen an eine Ost-West-Grundsatzrede. Sie hat erkennbar keine Lust mehr, die ewige „Quotenostfrau“ auf Podien zu geben, die damit gleich „die doppelte Quote“ erfüllt. Stattdessen erweitert sie den Fokus: Mindestens so interessant findet sie die Migrationsperspektive (und erinnert einmal wieder an das feine Projekt „Weiter Schreiben“). In der Vielfalt an Literatur, die insbesondere kleine und mittlere Verlage böten, seien Ost und West „nur zwei Möglichkeiten von vielen“.

Annett Gröscher: „Schwebende Lasten“:100 Leben in einem
Blumenhändlerin, Mutter, Weltkriegsüberlebende, Kranfahrerin: Annett Gröschner hat mit „Schwebende Lasten“ einen einzigartigen Roman geschrieben – darüber, was eine Frau zu leisten im Stande ist.
Und dann erzählt sie doch eine Ost-West-Geschichte, in der die Zuschreibungen wunderbar uneindeutig sind. Sie handelt, passenderweise, von ihrer Lieblingsbuchhandlung. „Die Insel“ ist die älteste Buchhandlung im Prenzlauer Berg in Berlin, und sie wird Ende Dezember schließen – wie so viele inhabergeführte Buchhandlungen in den vergangenen Jahren. Denn das Buchhandelssterben schreitet ungebrochen fort: In den fünf größten deutschen Städten zählte der Börsenverein, so zitiert Gröschner, zuletzt 13 Prozent weniger Läden als fünf Jahre zuvor.
Die Geschichten dahinter sind traurig. „Die Insel“ etwa, in der DDR eine sogenannte Volksbuchhandlung, überlebte die Strudel der Wiedervereinigung und wurde zuletzt von einer jungen Münchnerin weitergeführt und von Gröschner weitergeliebt. Jetzt aber werde der Buchhändlerin der finanzielle Druck zu groß, erzählt sie, und ihr fehle „das utopische Vorstellungsvermögen“. Das versucht wiederum die Schriftstellerin sich zu bewahren, so prekär sie auch die Lage nicht nur von Buchhandlungen oder Bibliotheken, sondern auch ihre eigene als freie Autorin bewertet.
In herausfordernden Zeiten alternativer Fakten, rechter Propaganda und einer rechtsextremen Partei hofft sie auf eine „Zusammenarbeit aller demokratisch gesonnenen Menschen“ – bei „gleichberechtigtem Rückgriff“ auf die Erfahrungen auch derer, die „nicht in bürgerlichen westdeutschen Verhältnissen“ aufgewachsen sind: „Wir haben nämlich ein antrainiertes Sensorium dafür, wenn etwas autoritär daherkommt.“ Zuletzt erinnert sie an die Kraft der Literatur und dabei warmherzig an die Kollegin Anna Seghers. Von ihr hat Annett Gröschner gelernt, trotz widriger Umstände nicht aufzugeben. Hilfreich dabei, so ergänzt sie im Anschluss unverblümt: „Bildet Banden!“

