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Münchner Buchmacher:Wenn Wünschen hilft

Hochmotiviert im Rathaus-Laden: Verlegerin Bettina Deininger.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Münchner Buchmacher verkaufen in einem neuen Pop-up-Store im Rathaus.

Von Antje Weber

"Was kostet die Welt?" steht als große Frage auf einer Postkarte am Eingang des Ladens. Die Antwort auf der Karte lautet: "Ach so ... Na, dann bitte ein kleines stilles Mineralwasser ohne Eis." Die Antwort in der Wirklichkeit dagegen könnte lauten: Ach so, dann bitte eine kleine Buchhandlung im Münchner Rathaus, und gerne möglichst schnell.

Das Fragen und Wünschen hat jedenfalls geklappt: Die Münchner Buchmacher, ein Zusammenschluss von sieben kleinen Verlagen, haben vor kurzem einen Laden in bester Innenstadtlage aufsperren und bestücken können. Zwischen "München-Ticket" und einem Filzladen in der Dienerstraße liegt er, fast genau dort, wo die Buchmacher bereits vor anderthalb Jahren für einige Monate mit einem Pop-up-Store zur Zwischennutzung unterkamen. Und wo die Verleger jetzt wieder, bis zum Januar kommenden Jahres, zwischen Dienstag und Samstag reihum meist selbst ihre Bücher und die der Kollegen verkaufen können.

"Wir stehen mit dem Rücken an der Wand", mit diesen Worten wandte sich Martin Arz vom Hirschkäfer Verlag Ende April in einem Offenen Brief an Stadt und Freistaat. Durch die corona-bedingte wochenlange Schließung der Buchhandlungen sei für die unabhängigen Verlage "die wesentliche, beinahe ausschließliche Distributionsmöglichkeit" weggebrochen. Er bat im Namen aller Buchmacher darum, wieder einen solchen Laden bespielen zu dürfen. Und wurde erhört: Das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt München stellte den Verlagen kurzfristig ein frisch renoviertes Ladenlokal zur Verfügung, das von nun an dauerhaft Kreativunternehmen aus der Bildenden Kunst, Musik, Film und Buch zur Verfügung stehen soll, im jährlichen Wechsel. Der Laden sei "eine Chance, die vielfältigen Kultur- und Kreativszenen mitten in München sichtbar zu machen", freute sich Kulturreferent Anton Biebl anlässlich der Eröffnung: "Dort gibt es individuelle Produkte - lokal und leidenschaftlich produziert. Und Kontakte zu den Menschen, die hinter den Ideen stehen."

Zu Menschen wie Susanna Rieder, die man zum Beispiel an einem Nachmittag im neuen Laden antreffen kann. Sie erzählt, dass sie als Kinderbuch-Verlegerin während der Buchhandels-Schließungen nicht so sehr gelitten habe, im Gegensatz zu ihren auf München-Themen spezialisierten Kollegen: "Die Buchmacher-Verlage haben es unterschiedlich gemerkt."

Sie sind überhaupt höchst unterschiedlich, der Austernbank und der Hirschkäfer-Verlag, die Edition Tingeltangel, der Franz Schiermeier, Morisken, Schillo und natürlich Susanna Rieder Verlag. Und so unterschiedlich sind auch die Bücher, die man im Laden findet, vom Kinderbuch bis zu Bavarica selbst der finstersten Krimi-Art. Außerdem sind diesmal auch Bücher anderer Münchner Verlage wie Allitera oder Volk dabei, Werke aus den Geschichtswerkstätten, CDs von den Münchner Indie-Labels Trikont, Electunes, Gutfeeling und Südpol. "Wir wollen uns ein bisschen mehr öffnen", sagt Rieder, "ich finde es schön, dass es noch ein bisschen mehr vernetzt ist". Überhaupt lasse es sich "erstaunlich gut" an: "Viele Leute kommen wieder und freuen sich, dass wir überlebt haben", die Ladenöffnung sei ein "Signal".

Auch für ihre Kollegin Bettina Deininger vom Austernbank Verlag: "Hochmotiviert durch die Chance im Pop-up-Store", so die Verlegerin von Belletristik aus dem Französischen, habe sie ein zuletzt zurückgestelltes Buchprojekt wieder angepackt. Nun gehe es "in einem sehr sportlichen Tempo an die Übersetzung" des Romans eines jungen Kameruners, der von fremdenfeindlichen Erfahrungen in der Schweiz erzählt. Im Herbst wird der Roman dann hoffentlich schon im Laden ausliegen und von der Verlegerin selbst ja vielleicht in großer Zahl verkauft; ein Buch kostet immerhin nicht die Welt.

© SZ vom 07.07.2020

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