Münchens Wirtschaftsgeschichte: Die Touristenstadt Guten Morgen, München

Jahrhunderte lang war die Stadt an der Isar nur eine Durchgangsstation auf dem Weg nach Süden. Heute ist sie längst ein beliebtes Urlaubsziel - und versucht gerade, sich für den Tourismus neu zu erfinden

Von Franz Kotteder

Sollte das Münchner Stadtmuseum ihre 27-jährige Dienstzeit als Chefin des städtischen Tourismusamtes bis 2012 eines Tages für museumswürdig erachten, dann wird das dazugehörige Exponat vermutlich ein Kleiderschrank voller Dirndl sein. Denn Gabriele Weishäupl umweht die Tragik, dass sie vor allem als Festleiterin der Wiesn bekannt geworden ist. Immer wieder wurde ihr auch aus der Politik vorgeworfen, sie habe Münchens Fremdenverkehrswerbung viel zu stark auf das Oktoberfest ausgerichtet. Das stimmt zwar gar nicht, weil Weishäupl oft versuchte, die anderen Aspekte, die Bayerns Hauptstadt für Touristen interessant machen, in den Vordergrund zu rücken, etwa die reiche Kulturlandschaft. Aber die Strahlkraft der Wiesn überdeckte alles.

Dabei ist das Oktoberfest, wie Weishäupl immer betonte, sowieso ein Selbstläufer und braucht gar keine Werbung. Da ist es schon schwieriger, die anderen Themen ins Bewusstsein der weltweiten Öffentlichkeit zu rücken, auch wenn selbst da manche andere Stadt gerne die Probleme Münchens hätte. Festzustellen ist aber: Man arbeitet daran. Vor gut drei Jahren gründete sich der Verein Tourismus Initiative München (TIM), der aus gut 180 Mitgliedern besteht, allesamt Akteure der Tourismuswirtschaft, von den großen Hotels über die BMW-Welt, den Flughafen, den Olympiapark bis hin zu Kongressveranstaltern. Zusammen mit Vertretern der Stadt aus dem Referat für Arbeit und Wirtschaft und dem Stadtrat haben sie eine Kommission gegründet und Arbeitsgruppen eingesetzt, um herauszufinden, wie sich München noch besser vermarkten lässt. Denn auch wenn die Stadt heute bereits 13,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr vorweisen kann: Da ist noch was drin.

Bis dahin war es trotz der Wiesn natürlich ein weiter Weg. Die Anfänge des Beherbergungswesens in München liegen ein wenig im Dunkeln. Die Wallfahrer des Mittelalters kamen in Klöstern unter, von denen es in der Stadt ja eine ganze Reihe gab, und die Kaufleute, die ihre Waren anboten (zeitweise sogar anbieten mussten, auch wenn sie nur durchreisen wollten), erhielten gegen etwas Geld einen Strohsack und ein Leinentuch in billigen Gasthäusern.

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(Foto: Robert Haas)

Erst 1490 ist das erste Unternehmen nachweisbar, das man mit einiger Großzügigkeit als "Hotel" bezeichnen könnte. Damals wurde einem Bogenhauser Landadeligen namens Georg Schmidt die sogenannte "Schildgerechtigkeit" für eine Wein- und Bierschänke am Münchner Isartor verliehen. Das heißt, er durfte fürderhin dort nicht nur ausschenken, sondern auch Reisende beherbergen. Die "Thaltorherberge" war bald das erste Haus am Platze. Es gibt sie im Grunde auch heute noch, als das familiengeführte Hotel Torbräu, es ist ein Vier-Sterne-Haus, immerhin.

Damit begann dann ein gewisser Aufschwung, wenn auch ein verhaltener. Im 17. und 18. Jahrhundert entstanden eine Reihe besserer Herbergen, meist betrieben von Wirten, die auch einen Weinausschank hatten. München war nicht das erste Reiseziel der Berühmtheiten jener Tage, aber es gab dann doch ein paar Häuser, in denen wichtige Menschen absteigen konnten, ohne auf Annehmlichkeiten verzichten zu müssen. Da waren zum Beispiel das Gasthaus Zum Goldenen Hirschen am Promenadeplatz oder der Theatinerhof an der Hinteren Schwabinger Gasse (heute an der Ecke Theatiner-/Salvatorstraße), in dem zum Beispiel 1756 Giacomo Casanova abstieg, angeblich ohne weitere Spuren seines bekannten Wirkens zu hinterlassen. Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Wolfgang von Goethe sowie andere große Musiker und Künstler nächtigten bei ihren Münchner Aufenthalten und Stippvisiten vor allem im Gasthof Zum schwarzen Adler in der Kaufingerstraße 26. Dessen Besitzer Franz Albert war ein kunstsinniger Mensch und trug deshalb bei seinen Gästen den Spitznamen "Musikwirt".

Erst 100 Jahre später kam die Zeit der Grand Hotels für die oberen Gesellschaftsschichten; damals wurde München verstärkt zum eigentlichen Reiseziel und war nicht mehr bloß Durchgangsstation auf dem Weg nach Italien wie zu Goethes Zeiten. Es entstanden bald auch kleinere Hotels und Herbergen; die Boheme wohnte meist in günstigen Pensionen im 1890 eingemeindeten Schwabing, etwa in der berühmten Pension Fürmann an der Belgradstraße, wo Kost und Logis für vergleichsweise wenig Geld zu haben waren.

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(Foto: oh)

Heute gibt es allein in München mehr als 400 Hotels mit 62 500 Betteln, im Großraum noch einmal gut 150 Hotels mit fast 14 000 Betten. Die meisten Gäste kommen aus den USA, knapp 750 000 Übernachtungen machen sie aus, gefolgt von den arabischen Golfstaaten und den Italienern. Die russischen Gäste, lange auf Platz 3, sind inzwischen zurückgefallen auf den fünften Platz. Zu den altehrwürdigen Luxushotels Bayerischer Hof, Vier Jahreszeiten und Königshof sind in der Oberliga mittlerweile das Mandarin Oriental, das Sofitel Bayerpost und das The Charles dazugekommen, und auch sonst findet man Unterkunft in fast allen denkbaren Preisklassen, wenn nicht gerade Wiesn ist oder die Baumaschinenmesse Bauma, dann ist alles belegt.

Die Tourismuskommission will spätestens 2016 ein Konzept vorlegen. Drei Schlagworte, das steht schon fest, will man in den Vordergrund stellen: Genusskultur, Kulturgenuss und Lebensfreude. Für diese Themen steht die Stadt, mehr noch: "München ist die attraktivste europäische Metropole dafür." Das sagt Christian Schottenhamel, Wiesnwirt und Großgastronom vom Löwenbräukeller und der Menterschwaige, der für den Hotel- und Gaststättenverband in der Tourismuskommission sitzt. Letztlich steht man damit auch wieder in einer langen Tradition, nämlich der von König Ludwig I., dessen Hochzeit nicht nur der Auslöser für das Oktoberfest war, sondern der auch durch seine Bauten das Image der Kulturstadt München wesentlich mitgeprägt hat. Und irgendwie ist er ja auch der eigentliche Erfinder des München-Tourismus, mit seinem viel zitierten Satz: "Ich will aus München eine Stadt machen, die Teutschland so zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er nicht München gesehen hat."

In der nächsten Folge am Samstag: Gesundheit als Geschäft - Privatkliniken und Medizinforschung